Von Thomas v. Randow

Als Jane Smith den Neurochirurgen Dr. Robert Rand in der Universitätsklinik von Los Angeles konsultierte, war dies ihr dritter Versuch, von dem ungezügelten Wachstum ihrer Körpergewebe befreit zu werden, das ihr Gesicht und ihre Figur zunehmend verunstaltete. Zweimal hatte sie deswegen schon im Krankenhaus gelegen und Bestrahlungen mit der Kobalt-Bombe erhalten, aber der Erfolg war ausgeblieben. Die Ursache für das entstellende Wachstum, ein Tumor, der gleich neben der Hypophyse im Gehirn der Kranken gewachsen war und die Hormonproduktion durcheinanderbrachte, die von jener Drüse gesteuert wird, ließ sich durch die Bestrahlung nicht beseitigen.

Dr.Rand, der dies erkannte, entschloß sich sofort zu einem Eingriff. Statt des Skalpells benutzte er dabei das neue chirurgische Instrument, mit dem er schon mehr als 200 erfolgreiche Hirnoperationen durchgeführt hatte, die Cryosonde, eine dünne Röhre mit einer Spitze, die sich in kurzer Zeit auf extrem tiefe Temperaturen abkühlen läßt. Diese Sonde führte er durch ein zuvor in den Schädel gebohrtes Loch direkt an die Hypophyse heran; dadurch erfror der mit dem Instrument berührte Teil der Drüse und starb ab. Der Erfolg: Sechs Wochen nach diesem Eingriff sah Miß Smith wieder normal aus.

Der kalifornische Chirurg hatte sein Ziel erreicht: Die Überproduktion von Hormonen war eingedämmt worden. Dadurch war zwar die Patientin nicht vom Tumor geheilt, wohl aber verschwanden die gräßlichen Symptome ihrer Krankheit, die grotesk verbreiterte Nase, die dicke Haut und die übergroßen Hände und Füße. Daß der Frau von Stund an regelmäßig bestimmte Hormone injiziert werden mußten, weil deren Produktion unter der Einfrierung der Drüse zu sehr gelitten hatte, war gewiß das kleinere Übel.

Begonnen hat diese Form der unblutigen Chirurgie, die immer häufiger in allen Teilen der Welt praktiziert wird, 1939 in Philadelphia, als der dort forschende Professor Temple Fay zum erstenmal ein Rohr in den Schädel eines Kranken einführte, durch das eine Kühlflüssigkeit zirkulierte. Sie nahm soviel Wärme an dem nicht isolierten Rohrende auf, daß die Hirngewebe in dessen unmittelbarer Umgebung an Erfrierung zugrunde gingen. Fay richtete sein Instrument auf Tumore, die dadurch aber leider nur zu einem Teil zerstört wurden. Die erhoffte Heilung der Patienten mit bösartigen Hirngeschwulsten blieb daher aus. Immerhin war der Beweis erbracht: Mit Kälte lassen sich Gewebe unblutig vernichten.

Zwanzige Jahre später führte der englische, Arzt Dr. Rowbatham ebenfalls cryochirurgische – Eingriffe im Gehirn durch, doch auch ihm waren nur Teilerfolge beschieden. Schließlich aber gelang es 1961 den Amerikanern J. S. Tytus und L. Ries im Tierversuch, mit einer verbesserten Cryosonde – sie wurde mit Treon-Gas gekühlt – Teile der Hypophyse gezielt zu zerstören und dadurch das Wachstum bestimmter Krebsgeschwülste zu verlangsamen. Doch die Kühlspitze des Instruments konnte noch nicht auf die für die Hypophysen-Verödung wünschenswerte Temperatur von minus 180 Grad Celsius gebracht werden. Eine Operation am Menschen war aus diesem Grunde äußerst riskant; man hätte das Operationsgebiet zu lange mit der Sonde bearbeiten müssen, und dabei wäre es zu einer für die benachbarten Bereiche gefährlichen Ausbreitung der Kälte gekommen.

Erst als der Ingenieur Arnold Lee ein Instrument konstruiert hatte, das mit flüssigem Stickstoff gekühlt wurde, wodurch die Temperatur an der Spitze auf sehr tiefe Werte gebracht und schnell geändert werden konnte, war der Weg zur Hirn-Cryochirurgie am Menschen frei.