Hauptstädtische Sorgen Wer geht in die Provinz?

Von Willi M. Riegel

Keine Hauptstadt zu haben, macht das ganze Land zur Provinz. Wer wüßte das nicht besser als ein Staat mit einer "provisorischen" Hauptstadt...?

Eine Hauptstadt wie Paris zu haben, macht nur das ganze übrige Land zur Provinz. Der Unterschied ist wesentlich.

Aber heutzutage tun’s selbst Hauptstädte par excellence nicht mehr. "Paris muß weg", heißt es. Es muß aus der Stadt ’raus. Mit einem Wort: "Parisia." Parisia ante portas. Die Assoziation zu Brasilia ist nicht zu überhören.

Wie das? Nun, daß die Verhältnisse in Paris "beängstigend" sind, ist nichts Neues mehr. Der "Wasserkopf" Paris kommt da sofort ins Spiel und die Tatsache, daß Leben und Streben des ganzen Landes seit Jahrhunderten auf den einen Punkt Paris hin orientiert sind: "Frankreich, das ist Paris und ein bißchen Provinz drumherum." Auch wenn Marseille und Lyon lokalpatriotisch heftig dagegen protestieren.

Indessen ist seit einiger Zeit wirklich Bewegung in die Sache gekommen. Und der Plan, den die Landesplanungskommission vor Monaten als Versuchsballon aus dem Sack ließ, wird inzwischen vorangetrieben. Er stellt freilich alles, was Frankreich bedeutet, glatt auf den Kopf. Denn es handelt sich um die Dezentralisierung oder um die Regionalhauptstädte. Und auch um Parisia. Das ist durchaus kein Scherz, das fordern, vertreten und planen Stadtplaner, Architekten, Akademieprofessoren und allerlei Gremien allen Ernstes, und das vieler Meinung nach verunglückte Brasilia-Experiment und -Vorbild schreckt sie keineswegs ab. "Bei uns ist das was anderes. Wir wollen ja nicht in den Urwald bauen", heißt es dann.