Photographie ist keine Philosophie

Paweks falsche Wirklichkeit Wenn das der Mensch ist...

Hans Meyer-Veden hat einen Lehrauftrag für Photographie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.

Nachdenklichkeit gegenüber dem Photographierenempfiehlt Heinrich Böll im Katalog zur Weltausstellung der Photographie. Der Angriff Georg Ramsegers ("Die WELT", 24. 10.), der diese Empfehlung auf seine Weise befolgt hat, wird von Karl Pawek beantwortet ("DIE ZEIT", 29. 10.), aber doch bestimmt nicht dadurch entschärft, daß ein paar Zahlen und Prozente widerlegt werden, daß man über fast belanglose Fakten streitet.

Die Weltausstellung der Photographie will die selbst gestellte Frage "Was ist der Mensch" beantworten. Darauf und auf die Methode von Frage und Antwort bezog sich doch die Kritik Ramsegers. Wenn Pawek diesem Angriff mit dialektischer Koketterie ausweicht, indem er in seiner Erwiderung eine Identifizierung der Weltanschauung eines Blaise Pascal, eines Teilhard de Chardin mit der Weltanschauung dieser Photographie versucht und eine Disqualifizierung der Ausstellung "The Family of Man" durch den Vergleich mit "Reader‘s Digest" nicht scheut, so ist das nicht sehr anspruchsvoll. Eine Verteidigung, die dem Angriff nur geschickt ausweicht, vermag diesen "Kampf" der Meinungen vielleicht zu verzögern, ihn zu einem intellektuellen Schnickschnack zu verzerren, aber bestimmt nicht ihn für sich zu entscheiden.

Die Photographie ist sicher neues und wesentliches Erkenntnismittel unserer Zeit. Und Pawek gebührt viel Verdienst dafür, daß er so begeistert versucht, die Photographie aus falscher Nachbarschaft zu befreien, daß er nicht müde wird, sie von der Kunst zu unterscheiden – ihr "als Kunst die Blamage zu ersparen". Man muß ihm dankbar sein dafür, daß er die Photographie als Erkenntnismittel beweist, sie als eine "Beschäftigung mit einem konkreten Besonderen" ansieht.

Aber man kann ihm auch sehr böse sein dafür, daß er einen so großartigen Gewinn dann so billig verspielt,

daß er mit einer bewundernswerten Ausdauer wesentliche Begriffe eindeutig bestimmt,

Photographie ist keine Philosophie

daß er den Rang und den Anspruch der Photographie durchsetzt gegen dummes Vorurteil, intellektuelle Arroganz und falsche Identifikation,

um dann leichtfertig den alten Argwohn, den bohrenden Verdacht neu zu beleben, daß Photographie doch nur den Mittelmäßigen gehört – den Analphabeten mit einem Bilde die sprichwörtlichen "tausend Worte" erspart, den Ungebildeten fast ohne schlechtes Gewissen Kunst ersetzt.

Die falsche Nonne Audrey

"Photographie ist das, was jeder verstehen muß", schreibt Pawek in seinem Buch "Totale Photographie". Und er versucht mit dieser Weltausstellung offenbar diesen Satz zu beweisen, Photographie als Weltsprache, als ein neues Esperanto einzuführen. Die 555 Bilder seiner "Weltausstellung der Photographie" als Antwort auf die Frage, was der Mensch sei, mögen nach Art und Weise eines effektvollen Journalismus Frage und Antwort vielleicht interessant zu illustrieren. Als Methode erinnert das Ganze aber doch eher an den Versuch eines Marxisten, den Begriff des Menschen schlechthin mit dem Wort "Arbeiter" zu erklären.

Man möchte diese Ausstellung mit einer Gegenfrage beantworten: "Wenn das der Mensch ist...?" Wir wollen doch nicht nur effektvoll schockiert werden, uns nicht gezwungen fühlen, das als "Wahrheit" anzunehmen, was Karl Pawek uns in seiner Auswahl als "Wahrheit" serviert, als Wirklichkeit, in der Vordergründigkeit zur "historischen, sozialen, psychischen, geistigen und hintergründigen Dimension" manipuliert wird. Wir wollen Audrey Hepburn nicht als Nonne akzeptieren, einen Coca-Cola trinkenden Chruschtschow nicht so wichtig nehmen, wie man diesen Menschen Chruschtschow wichtig nehmen kann. Wir möchten Eros und Sinnlichlichkeit nicht mit ein paar nackten Mädchen, einem Liebespaar, einer Prostituierten illustriert finden, die Tatsache Armut nicht mit diesen Bildern von Hungernden und Bettelei erledigt glauben.

Seit 125 Jahren Komplexe

Das Photo eines Priesters, einer Hure, eines Soldaten, eines Toten in Paweks Ausstellung und Zusammenstellung bietet uns kaum die Möglichkeit zu gründlicher Auseinandersetzung, und es erspart uns nicht nur nicht Auseinandersetzung und Erkenntnis anderswo, durch andere Photos zu suchen, es zwingt uns auch zu überlegen, ob Photographie überhaupt als "Erkenntnismittel unserer Zeit" angenommen werden kann.

Photographie ist keine Philosophie

"Es wird erschreckend offenbar, wie weit das Photo sich bereits Macht usurpiert hat und wie sehr es noch an unrechtmäßiger Macht zunehmen wird, wenn die verführerisch und gefährlich blendende Imagination des Photos überbewertet wird" – diese Kritik eines Lesers zum Buch "Totale Photographie" hat Pawek nicht gestört ("Das optische Zeitalter", Seite 17). Die von Heinrich Böll geforderte "Nachdenklichkeit gegenüber dem Photographieren" will gerade er nicht befolgen. Es mag ein wenig zuviel verlangt sein, was Heinrich Böll in seinem Katalogvorwort wünscht, daß durch die Begegnung mit den Objekten unserer Erfahrungswelt und ihrem Abbild, ihrem Photo sich eine "Menschwerdung" vollziehe.

Unmöglich gemacht wird diese doch letztlich notwendige "Menschwerdung" aber, wenn man, wie Pawek, das Weltverständnis dieser "Totalen Photographie" gewaltsam als Philosophie legalisiert, wenn man das Elementare und Alltägliche schon esoterisch findet und aus pragmatischen Gründen einem relativ unerfahrenen Beruf das optisch-technische "Unendlich" seiner Kameras (die fünfhundertfache Brennweite) ab das Unendliche schlechthin verkauft. Der Photographie erweist man damit außerdem einen Bärendienst. Ihren 125jährigen Minderwertigkeitskomplex kann man nicht dadurch beseitigen, daß man ihr philosophierend ein scheinbar anspruchsvolles Image verpaßt, daß man in ihre konfuse, kritische Situation ein paar blendende Schlagworte projiziert.

Sicher muß man viele Bilder dieser Ausstellung bewundern, wird man gerührt, erschüttert oder schockiert sein. Aber über das einzelne Bild hinaus ist es die Tendenz, die Ideologie, das Layou: Paweks, das Unbehagen verursacht. Will er hie seine subjektive Vorstellung von Wirklichkei: durchsetzen? Sollen wir ihm glauben, daß unsere Wirklichkeit so eng begrenzt ist, wie er es in dieser Ausstellung demonstriert? Oder müssen wir annehmen, daß Photographie der Wirklichkeit nicht tiefer auf den Grund kommt? Und daß all die schönen Dinge, die früher einmal zu unserer Welt gehört haben, nicht mehr existieren? Daß Gott tot ist? Die Heiligen eine Fiktion waren? Das Metaphysische als Trugschluß endlich entlarvt ist? Oder war Pawek aus bestimmten Gründen nur für einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit interessiert? Unterwirft er nicht zu radikal die ganze Welt und die gesamte Photographie seiner beschränkten Ideologie?

Die Photographie ist nicht nur nicht auf die trügerische Geltung angewiesen, die Dr. Pawek ihr, ob sie will oder nicht, mit Gewalt verschafft, sie könnte gerade dadurch mehr Schaden erleiden als uns lieb ist – und diesmal endgültig in den Ruf geraten, aus dem sie sich gerade jetzt öffentlich befreit. Es bedarf keiner Philosophie, um zu beweisen, daß Photographie das "Erkenntnismittel unserer Zeit" ist. Ihr Erkenntnischarakter ist nur da umstritten, wo man sich um Erkennen, Begreifen und so weiter gar nicht ernsthaft bemüht.

Seit der Erfindung der Photographie werden ihre besten Möglichkeiten einem Gewerbe, einem Fetischismus geopfert, der den tieferen Sinn, die wirkliche Bedeutung dieser Bildtechnik fast ganz verdeckt. In den 125 Jahren ihrer Geschichte ist die Photographie im bildnerischen Bereich verwahrlost, sollte sie sich in ihrer Imitation bald genug blamiert haben. Denkbar ist doch eine Photographie, die den Forderungen unserer Zeit gerecht wird, die erfüllt, wozu sie vielleicht erfunden worden ist.

Vom einzelnen Photographen wird gar nicht verlangt, daß er subjektive Neigungen aufgibt. Er kann tun, was er will. Aber vom Kothurn der Photophilosophen, vom Standpunkt der Redakteure, Juroren und Pädagogen sollte man doch endlich den Maßstab anwenden, der vor allem gültig ist: Der Erkenntnischarakter eines Photos sollte seine Qualität bestimmen. Sein Erkenntnisbereich mag nun die Metaphysik, die Astronomie, die Physik oder die Medizin sein, ein Wald, ein Mensch oder eine soziale Situation. Der Photograph mit seiner künstlerischen Begabung, seiner Bildung, seinen Kenntnissen, seinem Ethos und seiner Technik entscheidet den Rang seines Metiers.

In seiner "Totalen Photographie" schreibt Pawek (Seite 102): "Wenn der Künstler etwas über das Konkrete, über den Menschen aussagen will, muß er selbst eine Erkenntnis über den Menschen besitzen. Er muß ein Weltbild haben. Der Photograph hat es leichter. Er braucht keine Theorie vom Menschen. Er macht ohne Theorie die Realität des Menschen sichtbar." Das mag, umgekehrt, nicht ganz richtig sein. Aber unbedingt gilt doch gerade für den Photographen die Forderung nach einem Weltbild, nach einer Theorie, nach gründlicher Kenntnis der Dinge, die er photographiert. Seine schnelle Reaktionsfähigkeit ist keine Genialität. Meistens ist sie nur Oberflächlichkeit. Seine Bilderwut ist gerade Neugier, bestimmt noch keine Methode.

Photographie ist keine Philosophie

Denkend sehen

In welchem Beruf ist es so leicht möglich, zu einem Resultat zu gelangen? Welcher Wissenschaftler, welcher schreibende Journalist ist so schnell mit einem Problem, einer Aufgabe fertig? Es genügt doch nicht, daß man der künstlerischen Begabung eines Photographen vertraut, so notwendig sie auch ist. "Schauen als Denkvorgang" – das kann nur eine Photographie bieten, die sich selbst denkend um die Welt bemüht, die der vitalen Neigung, der Intuition, dem ästhetischen Interesse nur überläßt, was "durchschaut" ist.

Photographie darf nicht nur die Augen öffnen, das Niegeschehene und Niebeachtete nicht nur reproduzieren. Wirklichkeit muß formuliert werden, wenn wir sie besitzen wollen. Wir sollten uns mehr Mühe geben, die Möglichkeiten der Photographie dafür zu nutzen.