daß er den Rang und den Anspruch der Photographie durchsetzt gegen dummes Vorurteil, intellektuelle Arroganz und falsche Identifikation,

um dann leichtfertig den alten Argwohn, den bohrenden Verdacht neu zu beleben, daß Photographie doch nur den Mittelmäßigen gehört – den Analphabeten mit einem Bilde die sprichwörtlichen "tausend Worte" erspart, den Ungebildeten fast ohne schlechtes Gewissen Kunst ersetzt.

Die falsche Nonne Audrey

"Photographie ist das, was jeder verstehen muß", schreibt Pawek in seinem Buch "Totale Photographie". Und er versucht mit dieser Weltausstellung offenbar diesen Satz zu beweisen, Photographie als Weltsprache, als ein neues Esperanto einzuführen. Die 555 Bilder seiner "Weltausstellung der Photographie" als Antwort auf die Frage, was der Mensch sei, mögen nach Art und Weise eines effektvollen Journalismus Frage und Antwort vielleicht interessant zu illustrieren. Als Methode erinnert das Ganze aber doch eher an den Versuch eines Marxisten, den Begriff des Menschen schlechthin mit dem Wort "Arbeiter" zu erklären.

Man möchte diese Ausstellung mit einer Gegenfrage beantworten: "Wenn das der Mensch ist...?" Wir wollen doch nicht nur effektvoll schockiert werden, uns nicht gezwungen fühlen, das als "Wahrheit" anzunehmen, was Karl Pawek uns in seiner Auswahl als "Wahrheit" serviert, als Wirklichkeit, in der Vordergründigkeit zur "historischen, sozialen, psychischen, geistigen und hintergründigen Dimension" manipuliert wird. Wir wollen Audrey Hepburn nicht als Nonne akzeptieren, einen Coca-Cola trinkenden Chruschtschow nicht so wichtig nehmen, wie man diesen Menschen Chruschtschow wichtig nehmen kann. Wir möchten Eros und Sinnlichlichkeit nicht mit ein paar nackten Mädchen, einem Liebespaar, einer Prostituierten illustriert finden, die Tatsache Armut nicht mit diesen Bildern von Hungernden und Bettelei erledigt glauben.

Seit 125 Jahren Komplexe

Das Photo eines Priesters, einer Hure, eines Soldaten, eines Toten in Paweks Ausstellung und Zusammenstellung bietet uns kaum die Möglichkeit zu gründlicher Auseinandersetzung, und es erspart uns nicht nur nicht Auseinandersetzung und Erkenntnis anderswo, durch andere Photos zu suchen, es zwingt uns auch zu überlegen, ob Photographie überhaupt als "Erkenntnismittel unserer Zeit" angenommen werden kann.