"Es wird erschreckend offenbar, wie weit das Photo sich bereits Macht usurpiert hat und wie sehr es noch an unrechtmäßiger Macht zunehmen wird, wenn die verführerisch und gefährlich blendende Imagination des Photos überbewertet wird" – diese Kritik eines Lesers zum Buch "Totale Photographie" hat Pawek nicht gestört ("Das optische Zeitalter", Seite 17). Die von Heinrich Böll geforderte "Nachdenklichkeit gegenüber dem Photographieren" will gerade er nicht befolgen. Es mag ein wenig zuviel verlangt sein, was Heinrich Böll in seinem Katalogvorwort wünscht, daß durch die Begegnung mit den Objekten unserer Erfahrungswelt und ihrem Abbild, ihrem Photo sich eine "Menschwerdung" vollziehe.

Unmöglich gemacht wird diese doch letztlich notwendige "Menschwerdung" aber, wenn man, wie Pawek, das Weltverständnis dieser "Totalen Photographie" gewaltsam als Philosophie legalisiert, wenn man das Elementare und Alltägliche schon esoterisch findet und aus pragmatischen Gründen einem relativ unerfahrenen Beruf das optisch-technische "Unendlich" seiner Kameras (die fünfhundertfache Brennweite) ab das Unendliche schlechthin verkauft. Der Photographie erweist man damit außerdem einen Bärendienst. Ihren 125jährigen Minderwertigkeitskomplex kann man nicht dadurch beseitigen, daß man ihr philosophierend ein scheinbar anspruchsvolles Image verpaßt, daß man in ihre konfuse, kritische Situation ein paar blendende Schlagworte projiziert.

Sicher muß man viele Bilder dieser Ausstellung bewundern, wird man gerührt, erschüttert oder schockiert sein. Aber über das einzelne Bild hinaus ist es die Tendenz, die Ideologie, das Layou: Paweks, das Unbehagen verursacht. Will er hie seine subjektive Vorstellung von Wirklichkei: durchsetzen? Sollen wir ihm glauben, daß unsere Wirklichkeit so eng begrenzt ist, wie er es in dieser Ausstellung demonstriert? Oder müssen wir annehmen, daß Photographie der Wirklichkeit nicht tiefer auf den Grund kommt? Und daß all die schönen Dinge, die früher einmal zu unserer Welt gehört haben, nicht mehr existieren? Daß Gott tot ist? Die Heiligen eine Fiktion waren? Das Metaphysische als Trugschluß endlich entlarvt ist? Oder war Pawek aus bestimmten Gründen nur für einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit interessiert? Unterwirft er nicht zu radikal die ganze Welt und die gesamte Photographie seiner beschränkten Ideologie?

Die Photographie ist nicht nur nicht auf die trügerische Geltung angewiesen, die Dr. Pawek ihr, ob sie will oder nicht, mit Gewalt verschafft, sie könnte gerade dadurch mehr Schaden erleiden als uns lieb ist – und diesmal endgültig in den Ruf geraten, aus dem sie sich gerade jetzt öffentlich befreit. Es bedarf keiner Philosophie, um zu beweisen, daß Photographie das "Erkenntnismittel unserer Zeit" ist. Ihr Erkenntnischarakter ist nur da umstritten, wo man sich um Erkennen, Begreifen und so weiter gar nicht ernsthaft bemüht.

Seit der Erfindung der Photographie werden ihre besten Möglichkeiten einem Gewerbe, einem Fetischismus geopfert, der den tieferen Sinn, die wirkliche Bedeutung dieser Bildtechnik fast ganz verdeckt. In den 125 Jahren ihrer Geschichte ist die Photographie im bildnerischen Bereich verwahrlost, sollte sie sich in ihrer Imitation bald genug blamiert haben. Denkbar ist doch eine Photographie, die den Forderungen unserer Zeit gerecht wird, die erfüllt, wozu sie vielleicht erfunden worden ist.

Vom einzelnen Photographen wird gar nicht verlangt, daß er subjektive Neigungen aufgibt. Er kann tun, was er will. Aber vom Kothurn der Photophilosophen, vom Standpunkt der Redakteure, Juroren und Pädagogen sollte man doch endlich den Maßstab anwenden, der vor allem gültig ist: Der Erkenntnischarakter eines Photos sollte seine Qualität bestimmen. Sein Erkenntnisbereich mag nun die Metaphysik, die Astronomie, die Physik oder die Medizin sein, ein Wald, ein Mensch oder eine soziale Situation. Der Photograph mit seiner künstlerischen Begabung, seiner Bildung, seinen Kenntnissen, seinem Ethos und seiner Technik entscheidet den Rang seines Metiers.

In seiner "Totalen Photographie" schreibt Pawek (Seite 102): "Wenn der Künstler etwas über das Konkrete, über den Menschen aussagen will, muß er selbst eine Erkenntnis über den Menschen besitzen. Er muß ein Weltbild haben. Der Photograph hat es leichter. Er braucht keine Theorie vom Menschen. Er macht ohne Theorie die Realität des Menschen sichtbar." Das mag, umgekehrt, nicht ganz richtig sein. Aber unbedingt gilt doch gerade für den Photographen die Forderung nach einem Weltbild, nach einer Theorie, nach gründlicher Kenntnis der Dinge, die er photographiert. Seine schnelle Reaktionsfähigkeit ist keine Genialität. Meistens ist sie nur Oberflächlichkeit. Seine Bilderwut ist gerade Neugier, bestimmt noch keine Methode.