E. H., München

Der erste offizielle Schritt wurde im fränkischen Uttenreuth, nahe bei Erlangen, getan. Im Parkhotel, wo in der Saison Spargel und Bratwürste als Spezialitäten die Speisekarte zieren, trafen sich die Delegierten des Überrestes der "Gesamtdeutschen Partei" mit Spitzenpolitikern der bayerischen CSU. Das Ergebnis: Noch vor Weihnachten will die GDP ihrem außerordentlichen Parteitag vorschlagen, eine Koalition beider Parteien für die Bundestagswahlen im nächsten Jahr einzugehen. Das Zusammengehen erscheint der GDP erstrebenswert, nachdem, wie GDP-Vorstandsmitglieder sagten, "CSU-Vorsitzender Franz Josef Strauß und die GDP-Parteileitung in der Gegnerschaft zur Schröderschen und Erhardschen Außenpolitik übereinstimmen".

Strauß selber mußte sein Erscheinen in Uttenreuth absagen. Er laborierte an einer Augenverletzung, die er sich in seiner Wohnung in Rot am Inn durch ein "herabfallendes Bücherbrett’ zugezogen hatte. Einer seiner beiden Stellvertreter im Parteivorsitz, Werner Dollinger, kam für ihn. Dollingers Rede vor den GDPlern war ein Eiertanz verwaschener Sprüche, die wieder und wieder "Gemeinsames" und "Zusammengehöriges" betonten. Dem Bundesschatzminister war wohl bewußt, daß es nicht leicht sein würde Begeisterung zur Zusammenarbeit zu wecken in einem Zuhörerkreis, der sich vornehmlich aus rechtsradikalen Politikern zusammensetzte. Dei in den Kreisen der "Deutschen National-Zeitung’ wohlgelittene Dr. Walter Becher lauschte Dollinger ebenso aufmerksam wie andere Funktionäre, die den deutschen Schild vom Makel großdeutscher Vergangenheit blankputzen wollen und die Angriffe gegen den Sonntagsredner Seebohm als "Skandal vaterlandsloser Gesellen" empfinden. Mit Befriedigung hörte man den Preis, den die CSU zu zahlen bereit ist: zwei Kandidatenplätze in direkter Wahl und drei sichere Positionen auf der CSU-Landesliste bei den Bundestagswahlen.

In dieser Gesellschaft hat die CSU, die unter dem heute kaltgestellten Parteigründer Dr. Josef Müller ("Ochsensepp") einmal stolz darauf war, links von der "preußischen" CDU zu stehen, sich weit nach rechts geöffnet. "Rechtser geht’s nimmer", wird in München kommentiert.

Die zum Bundesmarsch angetretene weiß-blaue CSU hat auch anderwärts von ihren Grundsätzen gelassen. "Man kann kein Bordell betreiben, um eine Kinderspeisung zu organisieren", war einmal der Satz, mit dem Dr. Alois Hundhammer in schlechten Zeiten durch die Lande reiste. Der Einfluß des unerbittlichen Moralwächters scheint dahin, obwohl er jetzt stellvertretender Ministerpräsident ist. Vor acht Jahren überschlugen sich die frisch wieder, ans Regierungsruder gekommenen CSU-Politiker in ihrer Entrüstung über die von der vorausgegangenen, der CSU-losen Viererkoalition konzessionierten Spielbanken. Flugs wurden die "Lasterhöhlen" verstaatlicht, mit der Absicht, sie 1965 zu schließen. Aber dann gewann der CSUregierte Staat Geschmack am "Sündengeld". Unentwegt betreibt er in eigener Regie die Spielbanken von Bad Kissingen, Bad Reichenhall, Garmisch und Bad Wiessee. Er will nicht mehr auf die Einnahmen verzichten, die ja dem sozialen Wohnungsbau zugute kämen.

Als in der Landtagsdebatte über den Staatsetat der Bayernparteiler Dr. Martin Schweiger nach den Gründen für die überstürzte Verhaftung des Rechtsanwalts Dr. Berthold beim Spielbankenskandal fragte und wissen wollte, welche Summe der bayerische Staat dem geschädigten Juristen als Schweigegeld habe bezahlen müssen, zog er sich vom CSU-Landtagspräsidenten Rudolf Hanauer eine Rüge zu. Dieser Fall eines bayerischen Justizmißgriffs durfte nicht diskutiert, werden. Und für 130 000 Mark herrscht Schweigen.