Hamburg

Die Dame roch nach meinem Gesichtswasser, aber ihre Frisur, ihr Kinn und ihre Stimme paßten zu dem Gesichtswasser. Am Sternschanzenbahnhof stiegen wir aus der U-Bahn und ich ging hinter ihr her. Sie ging in ein Lokal, vor dem eine Dame in einem blauen Anzug stand. Die Dame sagte: "Hier ist ein Damenlokal." Ich sagte, daß ich zu der Dame gehöre, die eben hineingegangen sei. Da ließ mich die Dame hinterhergehen.

Rotes Licht, rote Polster, die Kellnerin in einer roten Smokingjacke und auf der Tanzfläche zwei Damen in roten Lastexhosen, die eine Hose saß stramm und die andere war zu groß. An der Bar roch es auch nach meinem Gesichtswasser, und die Damen tranken alle Bier. Dann kam die Dame, hinter der ich hergegangen war, und sagte: "Männer versuchen sich hier im allgemeinen durch große Zechen interessant zu machen, was bleibt ihnen denn schließlich anderes übrig, oder sie müssen sich an den Ofen setzen, wo sie manchmal ganz verloren aussehn..."

Ich blieb noch einen Augenblick stehen. Die Dame hinter der Bar schien die Wirtin zu sein;sie hielt ein Monokel vor ihr rechtes Auge und kontrollierte eine Rechnung, sie trug ein zweireihiges Kostüm. Ich versuchte mir sie in einem luftigen Jackenkleid vorzustellen, darin wäre sie ein ausgesprochen mütterlicher Typ gewesen. Unsere Blicke trafen sich, und sie lächelte, als hätte sie so ein Jackenkleid an.

Eine Dame in einer schwarzen Lastexhose sagte zu einer Dame in einer Khakihose: "Ich meine die dahinten, sie schreibt sich immer auf, was sie hier erlebt, und ich könnte ihr jetzt schon sagen, was sie noch alles erleben wird..." Die Dame sprach plötzlich im Flüsterton, und die andere legte ein Bein über das andere und umschlang mit beiden Händen ihr Knie.

Die Kellnerin in der roten Smokingjacke beobachtete die Dame, deren rote Lastexhose nicht stramm genug saß, Ich fragte sie, wer hier sonst noch verkehre. Sie sagte: "Wer hier verkehrt, ist unglücklich, wenn er nicht mehr hier verkehrt, und unglücklich, daß er nicht ganz woanders verkehrt, und unglücklich, daß er unglücklich ist. Ich verkehre sogar an meinen freien Tagen hier, eine Gefängnisaufseherin verkehrt auch hier, und von den reiferen Frauen sind zum Beispiel einige bei der Krankenkasse, die dort fährt einen Lieferwagen und die neben ihr ist bei der Bundesbahn; eigentlich verkehrt alles hier ... Kennen Sie vielleicht in Hamburg ein Lokal, wo man so anonym bleiben kann wie hier? Leider wollen das die meisten aber gar nicht."

Ich wollte mich an den Ofen setzen, doch sie sagte: "Wollen Sie nicht lieber gehen? Da sehen sie ganz verloren aus..." Ich fragte sie beim Hinausgehen, wo die Dame beschäftigt ist, hinter der ich hereingekommen war. "Bei der Krankenkasse", sagte sie. Haben Sie das nicht gleich gesehen?" Ich gab der Dame, die vor der Tür stand, eine Mark.

Zwei Polizisten gingen vorbei und grüßten. "Haben Sie das gesehen", fragte die Dame. "Sie grüßten ohne eine Spur von Herablassung oder Schadenfreude, weil sie wissen, daß wir in diesem Lokal eine große Familie bilden, bei der immer alles im Rahmen bleibt. Nur Polizistinnen in Uniform trauen sich nicht herein!" Ben Witter