Karl Schiller: Berliner Wirtschaft und deutsche Politik, Reden und Aufsätze 1961 bis 1964; Seewald Verlag, Stuttgart-Degerloch; 203 S., 16,80 DM.

Die Abgeordneten zeigten sich übereinstimmend von der Persönlichkeit Professor Schillers, der an der Fraktionssitzung teilnahm, beeindruckt." So äußerte sich die Berliner SPD-Presse, als Willy Brandt seinen Parteifreunden Anfang Dezember 1961 den Ordinarius für Volkswirtschaftswissenschaft an der Universität Hamburg als neuen Wirtschaftssenator in Berlin vorstellte. Schiller hat damals keinen Zweifel daran gelassen, daß er die Nachfolge des verstorbenen Paul Hertz zunächst nur bis zum Ablauf der Legislaturperiode im Jahre 1963 übernehmen volle. Heute haben wir längst die nächste Legislaturperiode. Schiller hat zwar die Professur in Hamburg nicht fahren lassen, ist aber immer noch in Berlin.

Daß die Reder und Aufsätze, die Schiller in seiner Eigenschaft als Berliner Wirtschaftssenator in den vergangenen Jahren gehalten und geschrieben hat, jetzt in Form eines Buches mit einem politischen Titel vorgelegt werden, ist gewiß nicht ohne Absicht. Schiller gilt als Wirtschaftsminister im Schattenkabinett Willy Brandts. Berlin wäre für den Professor aus Hamburg das Sprungbrett nach Eonn, sollte es in der Bundesrepublik einen Linksrutsch geben.

An Berlin, so heißt es, habe ihn die Sache gereizt. Er kam zu einem Zeitpunkt in diese bedrängte Stadt, zu dem die schweren psychologischen Fernwirkungen des Mauerbaues noch nicht abgeklungen waren. Die Möbeltransporter in Richtung Westdeutschland galten für Monate als ausverkauft, die Berliner hielten aus Liquiditätsgründen einen Teil ihrer Sparguthaben auf den flexibleren Postspar- und Postscheckkonten und die Unternehmen überlegten sich, ob geplante Investitionsvorhaben nicht aufgeschoben werden sollten. Dies etwa war die Situation.

Schiller macht eine Bestandsaufnahme und legt dem Abgeordnetenhaus im Frühjahr 1962 sein Programm vor. Die Berlin-Hilfe muß qualitativ verbessert werden. Verstärkt müssen die beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital nach Berlin gezogen werden. Nicht ihrem Abfluß entgegensteuern, nicht nur erhalten, was bereits vorhanden ist, sondern mehr schaffen, Anreize steigern, das Lohngefälle gegenüber dem westlichen Bundesgebiet überwinden und Zinsvorteile für die Kapitalhingabe nach Berlin, das ist sein Ziel. Schiller predigt Wachstum, Stagnation ist für ihn schon Rückschritt.

Auch die Marktwirtschaft bedarf heute der "unaufhörlichen staatlichen Datensetzung", lautet eines seiner Bekenntnisse. Als Intellektueller gehört Schiller in die Nähe der "egg-heads" um John F. Kennedy, was ihm General Clay denn auch bescheinigte. Er werde sich mit diesen Herren bestimmt gut verstehen, meinte der General, als Schiller 1962 zu Kennedy reiste. Auch Schiller will ständig "Ideen produzieren", anregen, vorantreiben. Der amerikanische Präsident und sein "grand design" beeindrucken den Professor wie den Politiker Schiller.

In einer Gedenkrede zum Tode des Präsidenten zieht er den Bogen von Dag Hammerskjöld zu John F. Kennedy und die aus dem Intellekt gespeiste Politik dieser beiden Männer. "Intellekt und Politik, Geist und Macht müssen und können ein neues Bündnis eingehen, wenn man die Aufgaben unserer Zeit bewältigen will. Und eine solche Verbindung muß mit jener intellektuellen Redlichkeit verknüpft sein, von der einst Max Weber sprach."