Wie kann man hoffen, daß die französische Stahlwirtschaft ihre Produkte zu Preisen anbietet, die mit denen anderer Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft konkurrieren können, wenn die Energiepreise in Frankreich nach wie vor erheblich höher liegen als bei seinen Mitbewerbern? Wir leiden hier unter einer Diskriminierung, auf die wir unsere Regierung schon seit langem aufmerksam gemacht haben und die hoffentlich nun bald beseitigt wird. Wie kann andererseits die Regierung Frankreichs damit einverstanden sein, daß die französische Stahlindustrie Finanzlasten tragen muß, die beträchtlich höher sind als die ihrer Konkurrenten? Diese Lasten sind die Folge einer Preispolitik, die zweifellos vor Zustandekommen des Vertrages über die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl richtig war, die aber heute gegen diesen Vertrag verstößt."

Mit diesen Worten umriß vor wenigen Tagen Rolland Labbé‚ Präsident des französischen Stahlkonzerns "Lorraine-Escaut" und zugleich Präsident der "Chambre Syndicale de la siderurgie de Meurthe et Moselle" die Sorgen der französischen Stahlwirtschaft. Seine Äußerungen stehen allerdings in auffallendem Gegensatz zu den recht günstigen Auftrags- und Produktionsmeldungen, wie sie seit Mitte des Jahres von den französischen Stahlkonzernen verbreitet werden.

So hatte Labbé selbst noch auf der Hauptversammlung des von ihm geleiteten Stahlkonzerns am 16. Juni darauf verwiesen, daß im Gefolge einer sich seit Beginn dieses Jahres abzeichnenden Verbesserung der Auslandsnachfrage die Stahlbestellungen aus dem französischen Inland in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres um 27 Prozent zugenommen hätten. Diese Entwicklung sei von einer beachtliche Verbesserung der Preise begleitet gewesen. Im gleichen Zeitraum war übrigens auch die Stahlproduktion (Frankreichs) um 10 Prozent im Vergleich zum entsprechenden Zeitraum des Vorjahres gestiegen: Frankreich produzierte von Januar bis Mai 1964 8,2 Millionen Tonnen Stahl. Davon entfielen knapp eine Million Tonnen auf Lorraine-Escaut. Damit hielt dieser Konzern seinen vierten Platz in der Reihe der großen Stahlproduzenten Frankreichs (hinter Usinor, de Wendel und Sidelor).

Die weitere Entwicklung im Laufe dieses Jahres war bisher günstig. So konnte soeben die größte Stahlfirma Frankreichs, die "Union Siderurgique du Nord de la France" (USINOR) bekanntgeben, daß bei ihr in diesem Jahr bis einschließlich September bereits 2,9 Millionen Tonnen Stahl produziert wurden ( +23,8 Prozent).

Die Pariser Börse hat dieser Entwicklung allerdings bisher noch nicht Rechnung getragen. Entgegen der allgemeinen Kursentwicklung, die nach einer langen Baisse-Periode Anzeichen einer Erholung erkennen läßt, bewegen sich die Stahlwerte immer noch auf ihrem niedrigsten Kursniveau. Es ist allgemein bekannt, daß die französische Stahlwirtschaft stark verschuldet ist – nicht zuletzt wegen ihrer enormen Modernisierungsanstrengungen. Nach einer Zusammenstellung der französischen Börsenzeitung "Finance" ist die Verschuldung bei USINOR am größten.

Was die unmittelbare Zukunft der französischen Stahlwirtschaft angeht, so befürchtet man vor allem eine Ab’satzminderung als Auswirkung der Produktionseinschränkung in der französischen Automobilindustrie. Jacques Ferry, der Präsident der "Groupement de l’Industrie Siderurgique" (GIS), in der die 24 wichtigsten der etwa 80 französischen Stahlfirmen zusammengefaßt sind, hat jedoch zu beruhigen versucht, indem er darauf verwies, daß die Autoindustrie nur höchstens 15 Prozent des Gesamtstahlverbrauchs Frankreichs auf sich vereinige. Die GIS ging im September als Anleihenehmer einer 600-Millionen-Francs-Anleihe für die ihr angeschlossenen Firmen auf den französischen Kapitalmarkt. Die Anleihe war in kurzer Zeit untergebracht. Die Geldgeber haben also keineswegs das Vertrauen in die Zukunft der französischen Stahlwirtschaft verloren. Tatsächlich gehört dieser Wirtschaftszweig nach dem Willen der französischen Regierung zu den Bereichen, die in den nächsten Jahren noch ausgeweitet werden, sollen. Matthias Heydrich