e. b., Stuttgart

Aus dem Fall Leibbrand droht ein Fall Laternser zu werden. Nicht gegen den des Mordes an 22 Italienern angeklagten Professor Dr. Kurt Leibbrand wird jetzt verhandelt. Die Handlungsweise seines Rechtsanwalts, des bekannten Strafverteidigers Dr. Laternser, soll überprüft werden. Das empfahl der Stuttgarter Oberlandesgerichtspräsident, der dem Generalstaatsanwalt in Frankfurt anheimgestellt hat, gegen Laternser ein ehrengerichtliches Verfahren einzuleiten. Zumindest soll die Frankfurter Staatsanwaltschaft, in deren Bezirk sich die für Laternser zuständige Rechtsanwaltskammer befindet, prüfen, ob das Verhalten des Rechtsanwalts während der mündlichen Begründung des Gerichtsbeschlusses im Leibbrand-Prozeß am 2. November den allgemeinen Richtlinien der Rechtsanwälte entsprochen habe.

Nach diesen Richtlinien soll sich ein Verteidiger so verhalten, daß Vertrauen und Achtung in die Anwaltschaft nicht geschmälert werden; vor allem soll er nicht den Eindruck erwecken, als mache er für sich Reklame oder wolle Sensationen schaffen. Außerdem, so heißt es in den Richtlinien, soll der Anwalt zu keiner Zeit vergessen, daß der Richter Repräsentant der rechtsprechenden Gewalt des Staates sei.

Laternser ist der Meinung, daß er dies keineswegs vergessen habe, auch nicht, als er dem Vorsitzenden des Schwurgerichts, Pracht, zurief: "Ich verbitte mir Ihre abträglichen Bemerkungen!" Zu dieser Äußerung kam es, als der Gerichtsvorsitzende im Revisionsprozeß gegen Leibbrand verkündete, daß die Verhandlung vertagt werde, und diesen Beschluß unter anderem mit "einer vom Gericht für bedenklich angesehenen Handlungsweise der Wahlverteidiger" begründete. Laternser sprang auf und forderte einen neuen Gerichtsbeschluß. Im Gerichtssaal schrien die Hinterbänkler "Ruhe!" und "Pfui!". Der Gerichtsvorsitzende ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen; er drohte, den Saal räumen zu lassen und sprach von der offensichtlichen Mißachtung der Pflichten der Wahlverteidigung. Wieder sprang Laternser auf. Und wieder setzte sich der Landgerichtsdirektor durch: "Die Wahlverteidiger haben die gemeinschaftliche Basis zerstört, die alle Prozeßbeteiligten in dem ehrlichen Bemühen verbindet, gemeinsam zur Wahrheitsfindung beizutragen." Laternser forderte zum zweiten- und zum drittenmal einen neuen Gerichtsbeschluß; er schrie: "Ich lasse mich nicht derart behandeln!"

Der Gerichtsvorsitzende konstatierte zwar, daß das Verhalten des Rechtsanwalts "unqualifizierbar" sei, weil er dem Vorsitzenden ins Wort gefallen sei. Der Rechtsanwalt hatte aber erreicht, was er wollte und was sicherlich auch im Interesse des Angeklagten ist: Der Prozeß wurde vertagt. Dies ist für Laternser deshalb so wichtig, weil er im Auschwitz-Prozeß und im Verfahren gegen Hunsche – Krumey in Frankfurt als Verteidiger engagiert ist und dort von seinen Mandanten dringend gebraucht wird. Er hatte Leibbrand schon im ersten Prozeß vor dem Stuttgarter Schwurgericht verteidigt und einen Freispruch erwirkt. Selbstverständlich wollte Leibbrand auch jetzt, nachdem der Bundesgerichtshof das Verfahren an das Stuttgarter Gericht zurückverwiesen hatte, von Laternser verteidigt werden.

Laternser hatte das Stuttgarter Gericht rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht, daß er durch den am 28. Oktober angesetzten Prozeß, in dem über 100 Zeugen in etwa 20 Verhandlungstagen gehört werden sollten, in Kollision mit seiner Verteidigung in den beiden Frankfurter Verfahren geraten würde. In Stuttgart beharrte man aber auf den Termin und stellte Leibbrand einen Pflichtverteidiger, den Stuttgarter Rechtsanwalt Schwarz, zur Verfügung.

Wie es nicht anders zu erwarten war, lehnte Leibbrand den Pflichtverteidiger ab und weigerte sich, mit ihm auch nur zu sprechen. Laternser machte in der Eröffnungssitzung keinen Hehl daraus, daß er Leibbrand zu diesem Verhalten geraten habe, nachdem sein Antrag auf Vertagung der Verhandlung vom Gericht abgelehnt worden war. Er erklärte dem Gerichtsvorsitzenden: "Sie wollen mich als einzigen eingearbeiteten Verteidiger von der Verhandlung ausschließen, und das kommt mir vor wie eine Bestrafung!"