Vertilgt mir die Eigenart nicht

Von Karl Ludwig Schneider

Kleist hielt sich, wie einer seiner Briefe an Cotta bezeugt, für einen Dichter, "den die Zeit nicht tragen kann". Tatsächlich wäre er auch nach dem Aufsehen, das sein Selbstmord im November 1811 erregte, unzweifelhaft der Vergessenheit anheimgefallen, wenn sich nicht Freunde seiner literarischen Hinterlassenschaft angenommen hätten.

In der Verzweiflung über die hartnäckige Verkennung und Mißachtung seiner dichterischen, Leistung hatte Kleist zwar kurz vor seinem Tode den größten Teil seiner Manuskripte verbrannt, doch war wenigstens das ungedruckte Meisterwerk "Der Prinz von Homburg" durch eine im September 1811 dem Prinzen Wilhelm überreichte Kopie glücklich der Vernichtung entgangen. Diese Kopie gelangte 1814 in die Hände Ludwig Tiecks, der von der dichterischen Größe dieses letzten Werkes und von dem tragischen Geschick Kleists tief ergriffen war. Von nun an machte Tieck es sich zur Aufgabe, Kleist die von der Mitwelt versagte Anerkennung zu erkämpfen. Er begann mit der Materialsammlung für eine Ausgabe. Aber erst 1821 konnte er "Kleists hinterlassene Schriften" dem Publikum, vorlegen und die noch nicht gedruckten Dramen "Die Hermannsschlacht" und "Der Prinz von Hornburg" allgemein bekanntmachen.

In seiner Einleitung verteidigte Tieck zugleich Kleists Dramen wirksam gegen die Kritik der Zeitgenossen, die meist den eigentlichen künstlerischen Sinn der Werke verfehlte. So rechtfertigte er ausführlich die Todesfurchtszene im "Prinzen von Homburg", die in Hofkreisen besonderes Mißfallen erregt hatte.

Tieck bewies auch in den nächsten Jahren seine Entschlossenheit, den verkannten Kleist durchzusetzen, denn er ließ 1826 den "Hinterlassenen Schriften" die "Gesammelten Schriften" folgen und veranstaltete 1846 noch einmal eine Edition "Ausgewählter Werke" in vier Bänden.

Mit diesen Bemühungen hat sich Tieck ohne Zweifel hohe und bleibende Verdienste um die Erhaltung von Kleists Dichtung erworben. Ungewollt aber hat er durch seine Werkdeutungen die Beschäftigung mit Kleist in eine gefährliche Sackgasse geführt. Denn, so vorurteilsfrei Tieck sich auch zeigte, er betonte doch allzusehr, daß eine "dunkle Macht" diesen großen Geist von innen heraus zerstört habe. Er ging stillschweigend von einer pathologischen Persönlichkeitsstruktur Kleists aus und konnte deshalb folgendes sagen: "Diese auffallende Erscheinung, daß in demselben Dichter eine so großartige Vernunft unmittelbar mit einem ganz kleinlichen, fast kindischen Bestreben im Widerspruche stehen kann, zwingt uns fast, eine seltsame Disharmonie, eine Krankheit vielleicht, im Geiste des Dichters anzunehmen. Denn diese Fehler sind nicht die des Neulings oder der Übereilung, sondern es ist die Unfähigkeit selbst, diesen Widerspruch und das völlig Ungeziemende einzusehen. Es ist ein radikaler, unheilbarer Mangel, von dem sich wohl die Spuren mehr und minder in allen Werken des Dichters nachweisen lassen ..."

Diese Auffassung hat für lange Jahre die Publikationen zum Werk Kleists entscheidend beeinflußt, was allerdings nicht nur auf Tiecks Autorität zurückzuführen war, sondern auch darauf beruhte, daß sein Urteil in diesem Punkt völlig mit dem Goethes übereinstimmte. Goethe hatte bekanntlich Kleist zunächst gefördert, war jedoch bald in emotionaler Abwehrreaktion zurückgewichen vor dem jungen Dichter, als er in ihm die gefährlichsten Möglichkeiten seines eignen Wesens in radikaler Steigerung und Zuspitzung wiedererkannte.

Vertilgt mir die Eigenart nicht

Zwischen Goethe mit seinem immer stärker werdenden Streben zur Fügung in die Bedingtheit und Kleist mit seiner unbedingten Hingabe an die Leidenschaft konnte es kaum eine andere Beziehung als die der gegenseitigen Abstoßung geben. Goethe hat darum mehrfach sein Verhältnis zu Kleist mit dem Wort "Schauder" gekennzeichnet. Das tat er auch 1827 in einer Äußerung über Tiecks Eintreten für Kleist: "Seine Pietät gegen Kleist zeigt sich höchst liebenswürdig. Mir erregte dieser Dichter, bei dem reinsten Vorsatz einer aufrichtigen Teilnahme, immer Schauder und Abscheu, wie ein von der Natur schon intentionierter Körper, der von einer unheilbaren Krankheit ergriffen wäre. Tieck wendet es um: er betrachtet das Treffliche, was von dem Natürlichen noch übrigbleibt; die Entstellung läßt er beiseite, entschuldigt mehr, als daß er tadelte; denn eigentlich ist jener talentvolle Mann auch nur zu bedauern, und darin kommen wir denn beide zuletzt überein."

Es hat fast bis zur Jahrhundertwende gedauert, bis der durch Tiecks Ausgaben und durch Goethes Urteile entstandene "pathologische Zuschnitt" des Kleist-Bildes korrigiert werden konnte. Forscher wie Brahm und Rahmer haben sich in dieser Hinsicht besonders verdient gemacht. Erst um die Jahrhundertwende war auch die Suche nach den erhaltenen Manuskripten und Briefen Kleists soweit abgeschlossen, daß sich der Berliner Germanist Erich Schmidt gemeinsam mit Reinhold Steig und Georg Minde-Pouet an die Vorbereitung einer historisch-kritischen Gesamtausgabe machen konnte.

Es hatte sich nämlich längst herausgestellt, daß Tieck keineswegs einwandfreie Texte von Kleists Dichtung geboten hatte. Weil Tieck krankhafte Züge bei Kleist wahrzunehmen glaubte, nahm er sich auch die Freiheit, harmonisierend in die Texte einzugreifen. Besonders am Stil nahm er Glättungen vor. Er milderte zum Beispiel die Härten der Wortstellung und der Konstruktion ab, die ja ein Kennzeichen der eigenwüchsigen und eigenwilligen Sprache Kleists sind. Julian Schmidt, der 1859 Tiecks Ausgabe ergänzte, folgte dieser bedenklichen Praxis und fügte seinerseits noch eigenmächtige Änderungen hinzu. 1905 nun konnte Erich Schmidt mit seiner Ausgabe endlich die authentischen Werktexte sichern. Sein Mitarbeiter Minde-Pouet faßte die verschiedenen (textlich ebenfalls revisionsbedürftigen) Briefwechsel zusammen, und Reinhold Steig machte erstmalig durch seine Zusammenstellung der "Kleineren Schriften" Kleists publizistische Tätigkeit voll sichtbar. Auch die für Kleists Werke so aufschlußreichen Textvarianten wurden damals vollständig und sorgfältig erfaßt.

Diese fünfbändige Ausgabe von 1905 bildet praktisch die Grundlage aller neueren Kleist-Ausgaben.

Daß aber Erich Schmidt und seine Mitarbeiter trotz gründlichster Arbeit 1905 den "ganzen" Kleist editorisch noch nicht erfaßt hatten, zeigte eine von 1936 bis 1938 erschienene zweite Auflage dieser Ausgabe. In dieser von Minde-Pouet besorgten Auflage konnte der Bestand der Kleist-Briefe noch von 196 auf 220 erhöht werden. Und zwar handelte es sich um Briefe, die inhaltlich zum Teil von erheblicher Wichtigkeit sind. Den größten Zuwachs erlebte aber vor allem die Abteilung der "Kleinen Schriften", jetzt von Helmut Sembdner bearbeitet. Sembdner mußte zwar vier Texte als Kleist nicht zugehörig ausscheiden, konnte dafür aber etwa fünfzig kleinere Kleist-Texte neu aufnehmen. Der größte Teil dieser Texte entstammte Kleists Berliner Abendblättern.

Da der achte und letzte Band der zweiten. Auflage mit den besonders wichtigen Anmerkungen und Textvarianten nicht mehr erschien und diese verbesserte Ausgabe nur noch äußerst selten antiquarisch angeboten wird, versuchte Sembdner nach dem Kriege mit einer neuen Kleist-Ausgabe die entstandene Lücke zu schließen. Die 1952 erschienene erste Auflage mit ihrer zum Teil normierten Interpunktion kann hier außer Betracht bleiben, weil sie bereits vergriffen ist. Ausführlicher zu handeln ist aber von den beiden folgenden vermehrten und revidierten Auflagen dieser Ausgabe.

Wir wollen es vorweg sagen: Sembdners Ausgabe verdient unter allen gegenwärtig im Handel befindlichen Kleist-Ausgaben entschieden den Vorzug, weil sie auf der von Erich Schmidt geschaffenen Grundlage erfolgreich weiterbaut, zugleich aber auch die Schwächen der Ausgaben von 1905 und 1936/38 zu überwinden trachtet. Man merkt es dieser neuen Ausgabe überall und nicht zuletzt in den vorbildlich knappen Erläuterungen an, daß ihr Herausgeber aus langjähriger eigner Forschungsarbeit schöpft. Noch einmal ist es Sembdner mit dieser Ausgabe gelungen, den Textbestand des Werkes zu erweitern, und abermals sind es die Abteilungen der "Briefe", "Anekdoten" und "Kleinen Schriften", in denen Veränderungen zu verzeichnen sind. Sembdner hat anläßlich eines von ihm besorgten Faksimile-Neudrucks der Berliner Abendblätter alle bisher nicht attributierten Beiträge geprüft und dabei Kleist erneut eine ganze Reihe von Arbeiten aus überzeugenden Gründen zugesprochen. Ihre Zuordnung zu den "Kleinen Schriften" rundet das Bild Kleists als Theaterkritiker, Leitartikler und Tagespolitiker in sehr instruktiver Weise ab. Bei den Briefen ist der Zuwachs diesmal zwar nicht entfernt mit dem von 1936 zu vergleichen, doch der kleinste Fund ist hier schon ein Gewinn. Bemerkenswert erscheint, daß Sembdner eine ganze Reihe von Briefen aus triftigen Gründen neu datiert hat. Ein glücklicher Einfall war es ferner, in die Reihe der Kleist-Briefe die Schreiben an den Dichter einzubeziehen. Kleists Schriftwechsel mit Hardenberg und Raumer gewinnt dadurch geradezu dramatische Akzente.

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Mit großer Akribie ist Sembdner auch erneut an die kritische Durchsicht der Texte herangegangen. Er versucht zum Beispiel konsequenter als alle bisherigen Herausgeber, die Interpunktion Kleists möglichst genau zu bewahren, und zwar auf Grund der richtigen Einsicht, daß bei diesem Dichter die Interpunktion ausgeprägte Stilfunktionen hat.

Ob die Kleist-Forschung Sembdners Funde und Neuerungen ausnahmslos bestätigen wird, ist noch nicht abzusehen. Soviel aber ist schon jetzt gewiß: Diese Ausgabe ist ein erfreulicher Gewinn für die Kenner und Freunde Kleists. Verdienstvoll ist es auch, daß der Herausgeber Kleists erstes Drama, "Die Familie Schroffenstein", mit der früheren Fassung abgedruckt hat und Überhaupt zu allen Texten die größeren Varianten bietet. Freilich handelt es sich bei diesem Material nur um eine Auswahl des Wichtigen, und insofern vermag Sembdners neue Ausgabe die erste Edition von Erich Schmidt (1905) mit ihrem vollständigen Lesartenapparat nicht zu ersetzen.

Man kann es nur dankbar begrüßen, daß sich der Deutsche Taschenbuch Verlag entschlossen hat, die neue Werkausgabe Sembdners auch in sieben Taschenbuchbänden herauszubringen. Sie stimmen inhaltlich mit der zweibändigen Dünndruckausgabe des Hanser-Verlages überein und werden manchem Studenten und Schüler Gelegenheit geben, sich mit einer in Text und Hinweisen gleich verläßlichen Edition zu versorgen.

Für "Schule und Haus" war das ungekürzte Gesamtwerk Kleists gedacht, das in der Reihe der "Bergland-Buch-Klassiker" in Salzburg und Stuttgart herausgebracht worden ist. Der Herausgeber, Gerhard Stenzel, versucht gleichfalls seine Leser mit den Ergebnissen der neueren Kleist-Forschung und mit dem interessantesten dokumentarischen Material zu versorgen. Eine umfangreiche Zeittafel und eine allerdings recht salopp geschriebene Einleitung geben den Gesamtüberblick. Ein interessanter Bildteil vermittelt Anschauung, während eine Auswahl von Briefstellen und zeitgenössischen Berichten Kleist auch im Urteil der Mitwelt zeigt. Die Werke selbst werden jeweils durch Hinweise aus der neueren Kleist-Literatur erläutert. Und der so gründlich versorgte Leser könnte mit dieser handlichen einbändigen Ausgabe wohl zufrieden sein, hätte der Herausgeber bei der Wiedergabe der Texte nicht die elementarsten Gesetze der editorischen Sorgfalt vernachlässigt. Er kürzt mit größter Unbefangenheit aus den mitgeteilten Briefpartien große und kleine Abschnitte heraus, ohne seine Eingriffe kenntlich zu machen. Er hat es auch durchgehen lassen, daß in den Dramen die vielen Wechselreden typographisch so wiedergegeben worden, sind, daß die Versstruktur des Textes überhaupt nicht mehr zu erkennen ist. Ein Vers aus der "Penthesilea" etwa, der bei Sembdner so erscheint:

Odysseus. Was bringst du?

Diomedes. Botschaft?

Der Hauptmann. Euch die ödeste,...

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sieht in Stenzeis Ausgabe folgendermaßen aus:

Odysseus: Was bringst du?

Diomedes: Botschaft?

Der Hauptmann: Euch die ödeste,...

Bei einem Autor wie Kleist, dessen Verse sooft durch das erregte Hin- und Herwerfen einzelner Wörter gekennzeichnet sind, hat ein solcher Mißgriff schwerwiegende Folgen. Kein rechtschaffener Rezensent kann dem Leser raten, Kleists Texte in so entstellter Form zu lesen.

Drei weitere Kleist-Ausgaben, die gegenwärtig im Buchhandel erhältlich sind, wahren größere Zurückhaltung in der Ausstattung mit Erläuterungen, Hinweisen und Bildern. Sie beschränken sich im wesentlichen auf die Wiedergabe der Texte.

Die in der Reihe der "Knaur Klassiker" erschienenen "Sämtlichen Werke" bieten durchweg verläßliche Texte und sind von Erwin Laaths mit einer sachkundigen und ansprechenden Einführung versehen worden. Freilich ist bei den Gedichten und "Kleinen Schriften" keine absolute Vollständigkeit der Texte angestrebt worden. Auch auf die Briefe, die in der Frühzeit immerhin den Charakter literarischer Stilübungen haben, wurde verzichtet.

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Die Ausgabe von Paul Stapf (Tempel-Klassiker) hat gleichfalls einen Teil der "Kleinen Schriften" und der Briefe weggelassen, bietet dafür aber von der "Familie Schroffenstein" die Frühfassung und auch für "Die Hermannsschlacht" die letzten fünf Szenen in einer älteren, nur wenig bekannten Fassung.

Walther Vontin wendet sich mit einer Werkauswahl im Hoffmann und Campe Verlag an solche Leser, die auf Vollständigkeit keinen Wert legen, aber Kleists Meisterwerke in einer handlichen Ausgabe besitzen möchten. Für diesen Zweck ist die geschickt zusammengestellte und mit einem orientierenden Nachwort versehene Auswahl ohne Frage auch gut geeignet.

Die drei letztgenannten Ausgaben geben trotz ihrer Nützlichkeit dem Kritiker allerdings Anlaß, ein Klagelied über die schematische Behandlung der Kleistischen Interpunktion in den Leseausgaben anzustimmen. Die Kleist-Ausgabe der "Knaur Klassiker" weist nur eine geringfügige, kaum störende Normierung auf. Die Ausgaben von Stapf und Vontin hingegen bringen Kleists Prosa in erheblich modernisierter und normierter Interpunktion. Die eigentümliche Interpunktion dieses Dichters ist aber keine Nebensächlichkeit, an der man nach Belieben ändern dürfte, sondern ein nicht unwichtiges Ausdrucksmittel seines Stils, das die rhythmischen Verhältnisse klärt und akzentuiert. Wer an der Interpunktion dieses Autors etwas ändert, retuschiert zugleich seinen Stil. Die auf ihr Ziel zuschießenden und doch durch Einschübe immer wieder aufgehaltenen Sätze der Kleistischen Prosa verlieren ihre innere Spannung, wenn man die Interpunktion modernisiert. Man kann den Verlegern und Herausgebern – auch für den Fall von Neuauflagen – nur empfehlen, sich mit dieser besonderen Situation bei Kleist vertraut zu machen und den umfangreichen Aufsatz zu lesen, den Sembdner im Jahrbuch der Schiller-Gesellschaft (1962) über das Problem von Kleists Interpunktion geschrieben hat.

Im übrigen ist es vielleicht nicht ganz unpassend, die Betroffenen auf einen Satz von Helferich Peter Sturz (einem Zeitgenossen Klopstocks) aufmerksam zu machen: "Was halten Sie von der Art, wie der Herausgeber unsere Dichter behandelt? ... Gebt mir den Künstler mit allen seinen Fehlern und vertilgt mir die Eigenart nicht."