Zwischen Goethe mit seinem immer stärker werdenden Streben zur Fügung in die Bedingtheit und Kleist mit seiner unbedingten Hingabe an die Leidenschaft konnte es kaum eine andere Beziehung als die der gegenseitigen Abstoßung geben. Goethe hat darum mehrfach sein Verhältnis zu Kleist mit dem Wort "Schauder" gekennzeichnet. Das tat er auch 1827 in einer Äußerung über Tiecks Eintreten für Kleist: "Seine Pietät gegen Kleist zeigt sich höchst liebenswürdig. Mir erregte dieser Dichter, bei dem reinsten Vorsatz einer aufrichtigen Teilnahme, immer Schauder und Abscheu, wie ein von der Natur schon intentionierter Körper, der von einer unheilbaren Krankheit ergriffen wäre. Tieck wendet es um: er betrachtet das Treffliche, was von dem Natürlichen noch übrigbleibt; die Entstellung läßt er beiseite, entschuldigt mehr, als daß er tadelte; denn eigentlich ist jener talentvolle Mann auch nur zu bedauern, und darin kommen wir denn beide zuletzt überein."

Es hat fast bis zur Jahrhundertwende gedauert, bis der durch Tiecks Ausgaben und durch Goethes Urteile entstandene "pathologische Zuschnitt" des Kleist-Bildes korrigiert werden konnte. Forscher wie Brahm und Rahmer haben sich in dieser Hinsicht besonders verdient gemacht. Erst um die Jahrhundertwende war auch die Suche nach den erhaltenen Manuskripten und Briefen Kleists soweit abgeschlossen, daß sich der Berliner Germanist Erich Schmidt gemeinsam mit Reinhold Steig und Georg Minde-Pouet an die Vorbereitung einer historisch-kritischen Gesamtausgabe machen konnte.

Es hatte sich nämlich längst herausgestellt, daß Tieck keineswegs einwandfreie Texte von Kleists Dichtung geboten hatte. Weil Tieck krankhafte Züge bei Kleist wahrzunehmen glaubte, nahm er sich auch die Freiheit, harmonisierend in die Texte einzugreifen. Besonders am Stil nahm er Glättungen vor. Er milderte zum Beispiel die Härten der Wortstellung und der Konstruktion ab, die ja ein Kennzeichen der eigenwüchsigen und eigenwilligen Sprache Kleists sind. Julian Schmidt, der 1859 Tiecks Ausgabe ergänzte, folgte dieser bedenklichen Praxis und fügte seinerseits noch eigenmächtige Änderungen hinzu. 1905 nun konnte Erich Schmidt mit seiner Ausgabe endlich die authentischen Werktexte sichern. Sein Mitarbeiter Minde-Pouet faßte die verschiedenen (textlich ebenfalls revisionsbedürftigen) Briefwechsel zusammen, und Reinhold Steig machte erstmalig durch seine Zusammenstellung der "Kleineren Schriften" Kleists publizistische Tätigkeit voll sichtbar. Auch die für Kleists Werke so aufschlußreichen Textvarianten wurden damals vollständig und sorgfältig erfaßt.

Diese fünfbändige Ausgabe von 1905 bildet praktisch die Grundlage aller neueren Kleist-Ausgaben.

Daß aber Erich Schmidt und seine Mitarbeiter trotz gründlichster Arbeit 1905 den "ganzen" Kleist editorisch noch nicht erfaßt hatten, zeigte eine von 1936 bis 1938 erschienene zweite Auflage dieser Ausgabe. In dieser von Minde-Pouet besorgten Auflage konnte der Bestand der Kleist-Briefe noch von 196 auf 220 erhöht werden. Und zwar handelte es sich um Briefe, die inhaltlich zum Teil von erheblicher Wichtigkeit sind. Den größten Zuwachs erlebte aber vor allem die Abteilung der "Kleinen Schriften", jetzt von Helmut Sembdner bearbeitet. Sembdner mußte zwar vier Texte als Kleist nicht zugehörig ausscheiden, konnte dafür aber etwa fünfzig kleinere Kleist-Texte neu aufnehmen. Der größte Teil dieser Texte entstammte Kleists Berliner Abendblättern.

Da der achte und letzte Band der zweiten. Auflage mit den besonders wichtigen Anmerkungen und Textvarianten nicht mehr erschien und diese verbesserte Ausgabe nur noch äußerst selten antiquarisch angeboten wird, versuchte Sembdner nach dem Kriege mit einer neuen Kleist-Ausgabe die entstandene Lücke zu schließen. Die 1952 erschienene erste Auflage mit ihrer zum Teil normierten Interpunktion kann hier außer Betracht bleiben, weil sie bereits vergriffen ist. Ausführlicher zu handeln ist aber von den beiden folgenden vermehrten und revidierten Auflagen dieser Ausgabe.

Wir wollen es vorweg sagen: Sembdners Ausgabe verdient unter allen gegenwärtig im Handel befindlichen Kleist-Ausgaben entschieden den Vorzug, weil sie auf der von Erich Schmidt geschaffenen Grundlage erfolgreich weiterbaut, zugleich aber auch die Schwächen der Ausgaben von 1905 und 1936/38 zu überwinden trachtet. Man merkt es dieser neuen Ausgabe überall und nicht zuletzt in den vorbildlich knappen Erläuterungen an, daß ihr Herausgeber aus langjähriger eigner Forschungsarbeit schöpft. Noch einmal ist es Sembdner mit dieser Ausgabe gelungen, den Textbestand des Werkes zu erweitern, und abermals sind es die Abteilungen der "Briefe", "Anekdoten" und "Kleinen Schriften", in denen Veränderungen zu verzeichnen sind. Sembdner hat anläßlich eines von ihm besorgten Faksimile-Neudrucks der Berliner Abendblätter alle bisher nicht attributierten Beiträge geprüft und dabei Kleist erneut eine ganze Reihe von Arbeiten aus überzeugenden Gründen zugesprochen. Ihre Zuordnung zu den "Kleinen Schriften" rundet das Bild Kleists als Theaterkritiker, Leitartikler und Tagespolitiker in sehr instruktiver Weise ab. Bei den Briefen ist der Zuwachs diesmal zwar nicht entfernt mit dem von 1936 zu vergleichen, doch der kleinste Fund ist hier schon ein Gewinn. Bemerkenswert erscheint, daß Sembdner eine ganze Reihe von Briefen aus triftigen Gründen neu datiert hat. Ein glücklicher Einfall war es ferner, in die Reihe der Kleist-Briefe die Schreiben an den Dichter einzubeziehen. Kleists Schriftwechsel mit Hardenberg und Raumer gewinnt dadurch geradezu dramatische Akzente.