Die Ausgabe von Paul Stapf (Tempel-Klassiker) hat gleichfalls einen Teil der "Kleinen Schriften" und der Briefe weggelassen, bietet dafür aber von der "Familie Schroffenstein" die Frühfassung und auch für "Die Hermannsschlacht" die letzten fünf Szenen in einer älteren, nur wenig bekannten Fassung.

Walther Vontin wendet sich mit einer Werkauswahl im Hoffmann und Campe Verlag an solche Leser, die auf Vollständigkeit keinen Wert legen, aber Kleists Meisterwerke in einer handlichen Ausgabe besitzen möchten. Für diesen Zweck ist die geschickt zusammengestellte und mit einem orientierenden Nachwort versehene Auswahl ohne Frage auch gut geeignet.

Die drei letztgenannten Ausgaben geben trotz ihrer Nützlichkeit dem Kritiker allerdings Anlaß, ein Klagelied über die schematische Behandlung der Kleistischen Interpunktion in den Leseausgaben anzustimmen. Die Kleist-Ausgabe der "Knaur Klassiker" weist nur eine geringfügige, kaum störende Normierung auf. Die Ausgaben von Stapf und Vontin hingegen bringen Kleists Prosa in erheblich modernisierter und normierter Interpunktion. Die eigentümliche Interpunktion dieses Dichters ist aber keine Nebensächlichkeit, an der man nach Belieben ändern dürfte, sondern ein nicht unwichtiges Ausdrucksmittel seines Stils, das die rhythmischen Verhältnisse klärt und akzentuiert. Wer an der Interpunktion dieses Autors etwas ändert, retuschiert zugleich seinen Stil. Die auf ihr Ziel zuschießenden und doch durch Einschübe immer wieder aufgehaltenen Sätze der Kleistischen Prosa verlieren ihre innere Spannung, wenn man die Interpunktion modernisiert. Man kann den Verlegern und Herausgebern – auch für den Fall von Neuauflagen – nur empfehlen, sich mit dieser besonderen Situation bei Kleist vertraut zu machen und den umfangreichen Aufsatz zu lesen, den Sembdner im Jahrbuch der Schiller-Gesellschaft (1962) über das Problem von Kleists Interpunktion geschrieben hat.

Im übrigen ist es vielleicht nicht ganz unpassend, die Betroffenen auf einen Satz von Helferich Peter Sturz (einem Zeitgenossen Klopstocks) aufmerksam zu machen: "Was halten Sie von der Art, wie der Herausgeber unsere Dichter behandelt? ... Gebt mir den Künstler mit allen seinen Fehlern und vertilgt mir die Eigenart nicht."