Das Photo, das von Moskau aus um die Welt lief, demonstrierte Eintracht: ein Handschlag zwischen dem sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin und seinem Gast aus Peking, dem chinesischen Ministerpräsidenten Tschu Enlai. Zwei Sieger im Blitzlicht – und ein Verlierer in dem unheimlichen Dunkel, in das die Geschichte jene stürzt, die keine Fortune hatten: Nikita Chruschtschow.

Die roten Mandarine in Peking, als deren Abgesandter der Poker-Politiker Tschu En-lai zum Jahrestag der Oktoberrevolution in die sowjetische Hauptstadt reiste, lassen keinen Zweifel an ihrer Überzeugung, daß sie es waren, die ihren Widersacher Chruschtschow zu Fall gebracht haben. Was Kossygin und seine Partner im neuen Führungskollektiv von dieser chinesischen These wirklich halten, verbergen sie hinter der Maske verbindlicher Diplomatie.

Es ist kaum daran zu zweifeln, daß Chruschtschow die ideologischen und machtpolitischen Gegensätze zwischen Rußland und China, die auf die Dauer unüberbrückbar erscheinen, mit aller Nüchternheit erkannt hat. Sein Fehler lag in seinem Temperament. Aus dem kalten Interessenkonflikt wurden bei ihm Emotional-Scharmützel, wurden persönliche Attacken gegen Mao, die er mit großen Worten und großen Gebärden immer wieder aufs neue vortrug.

Zu zweifeln ist auch nicht daran, daß die Nachfolger im Kreml jenen chinesisch-russischen Konflikt, in dem es um die "richtige Lehre" und um die größere Macht geht, mit gleicher Nüchternheit erkennen. Ihr Vorteil aber liegt in ihrer kühlen Beherrschtheit. Sie schäumen nicht, sie befolgen die Gesetze politischer Taktik. Und darin, vor allem darin liegt gegenwärtig der Einklang zwischen Moskau und China.

In den letzten Monaten hatte sich der "kalte Krieg" zwischen den beiden Zentren des Weltkommunismus immer mehr zugespitzt. Und es war die Prawda, die sogar schon einmal – im Hinblick auf die Grenzprobleme – die Gefahr militärischer Konflikte zwischen der UdSSR und China betont hatte.

Der Besuch Tschu En-lais in Moskau, die Erklärungen von beiden Seiten, in denen die "Einheit des Weltkommunismus" mit der feierlichen Furcht von Schlangenbeschwörern postuliert wird, all das deutet darauf hin, daß Moskau und Peking gegenwärtig an einen Waffenstillstand in ihrem kalten Krieg interessiert sind.

Die Sowjetunion hat erkannt: Der Ausgleich mit dem Westen ist denn doch noch nicht so weit gediehen, daß die Gefahr eines Zwei-Fronten-Krieges gebannt wäre. Zudem kann Moskau die Fluchtbewegung seiner europäischen Satelliten nur dann eindämmen, wenn es ihnen die Möglichkeit nimmt, aus dem schroffen chinesischrussischen Gegensatz nach dem mittlerweile erprobten Modell der Schaukelpolitik nationalkommunistische Vorteile zu ziehen.