Hach, wie wildromantisch‚ seufzte die Dame. Auf ihrem hellen Herbstkleid blühten langstielige Mohnblumen und umrankten die junonische Gestalt. Erste Klasse, "FT Rom–Basel". Die Dame ließ sich befriedigt auf den Sitz fallen. Das war in Bellinzona – jener kleinen Hauptstadt des Tessins, die außer zinnenbewehrten Schlössern nichts als die Gewißheit aufzuweisen hat, daß Goethe von den Höhen des Gotthards heruntergeblickt hatte und dann doch lieber wieder umgekehrt war.

Die andere Dame mir gegenüber hielt offenbar nichts vom Wildromantischen. Hochgeschlossenes Kostüm, hochgeschlossene Bluse, Schirm (bei dreißig Grad im Schatten) auf den Knien, auf dem Schirm ein Buch. Sie las. "Memoires de Guerre" brachte ich diskret schielend heraus. Nein, ich habe nichts gegen Memoires de Guerre – aber warum ausgerechnet in der Schlucht zwischen Biasca und Airolo, durch die der Zug jetzt fuhr? Warum fahren Leute durchs Wildromantische mit einem Buch vor der Nase?

Ich beschloß, mich zu erkundigen. Mein so vielfach verschlossenes Gegenüber zu fragen, traute ich mich nicht. Mein Französisch genügt nicht einmal für die Speisekarte – wahrscheinlich sprach die Dame noch sechs andere Sprachen, aber welche? Mir fehlte der Mut. Frag’ wen andern! Die Fichten standen schräg im Fenster, so steil ging es bergauf.

Mein erstes Opfer: ein braungebrannter Mann. "Chico räumt auf", hieß sein Buch. Ich fragte – er strahlte. "Hab’ ich mir auch schon gedacht", meinte er, ein Fleischermeister aus Würzburg. "Aber jetzt hab’ ich ein Restaurant in Zürich, da kommt man ja nie zum Lesen; trotzdem, Fräulein, Sie haben recht! Ich hab’ zwar in den letzten drei Wochen schon so viel Gegend gesehen, für Jahre im voraus." Er wurde unsachlich. "Bleiben Sie doch hier und sagen Sie mir, wie die Berge da heißen und so weiter."

In Geographie hatte ich bloß eine vier. Zu ärgerlich, daß man bei derlei immer noch rot wird. Ich murmelte etwas und ging weiter.

Sie interessiere sich nur für "gute Literatur", sagte mir im nächsten Abteil die junge Dame von etwa sechzehn elf zwölftel Jahren, die sich für mindestens neunzehn hielt. Dies hier in ihrer Hand sei bestimmt nur ein Zufall. Es waren amerikanische Comics, etwa sechs. "Und warum schauen Sie nicht hinaus?" fragte ich tantenhaft. Sie sagte: "Ach wissen Sie, ich war gerade auf Urlaub, in Marokko. Das ist doch was ganz anderes. Hier ist es ja langweilig!"

Es war deprimierend. Im Speisewagen fand ich noch mehr Literaturbeflissene. Unsere Gespräche waren kurz. Jene beiden Herren in der Ecke diskutierten heftig einen Katalog für Damenschuhe, und jene Dame machte Notizen in einem Lehrbuch für Maschinenbau. Deprimierend – ich sagte es schon.