Von Marion Gräfin Dönhoff

London, im November

Nebel pflegt in London niemanden zu erregen, schon gar nicht im November. Aber am Montag dieser Woche war die ganze Stadt in Erregung, weil nach einem sonnigen Herbstmorgen am Nachmittag Nebelschwaden den Himmel verdüsterten. Dunkle Perspektiven zeichneten sich ab: Die neue Labour-Regierung, die ein Muster an Modernität und Wissenschaftlichkeit zu sein versprochen hat, drohte von Petrus aus dem Sattel gehoben zu werden.

Für den Abend dieses Tages stand nämlich im Unterhaus der Einspruch zur Debatte, den die Konservativen gegen den Beschluß der neuen-Regierung eingelegt hatten, die Stahlindustrie zu verstaatlichen. Eine Gruppe von schottischen Labour-Abgeordneten wurde dringend für die Abstimmung im Parlament gebraucht. Würden sie rechtzeitig herbeigeschafft werden können? Das Kunststück gelang schließlich, aber das Beispiel zeigte doch, von welchen Zufällen eine Regierung abhängt, die über eine so knappe Mehrheit verfügt. Allerdings muß man hinzufügen, daß auch die Konservativen im Moment gar nicht in der Lage wären, Neuwahlen zu bestehen – und daß darin die beste Gewähr einer mehrmonatigen Schonzeit für die neue Regierung besteht.

Auf gewissen Gebieten kann Wilson unter Umständen sogar mit der Unterstützung der Konservativen rechnen – so etwa in der Verteidigungspolitik. Aber es dürfte seinem Ansehen in den eigenen Reihen kaum dienen, wenn er gezwungen sein sollte, zusammen mit der Tory-Opposition den linken Flügel seiner Parteigenossen niederzustimmen. Niemand weiß überdies, wie weit links Wilson selbst eigentlich steht. Es gibt darüber zwei Versionen. Die einen meinen, er habe die Verstaatlichung der Stahlindustrie nur beschlossen, um seinen linken Flügel zu beschwichtigen; die anderen sehen in diesem Beschluß den besten Beweis dafür, daß er selber ein dogmatischer Sozialist ist. Die Verstaatlichung wird übrigens, wie eine Meinungsumfrage eben gezeigt hat, von der Mehrheit des Volkes, nämlich von 65 Prozent, abgelehnt.

Auch auf außenpolitischem Gebiet ist noch vieles offen. Aber soviel steht doch fest: Die neue Regierung wird unter allen Umständen in ganz enger Tuchfühlung mit den USA operieren. Man wird ferner damit rechnen können, daß sie Wert darauf legt, mit Moskau ins Gespräch zu kommen, und wenn es nur um des Sprechens willen ist. Über die Einstellung der Regierung Wilson gegenüber dem Kontinent gehen die Ansichten vorläufig in großer Fächerbreite auseinander. Sie reichen von der Voraussage, Wilson werde möglichst detachiert vom Kontinent im Dreieck London–Washington–Moskau agieren, bis zu der Annahme, er werde im Gegenteil weit mehr Interesse an der Herstellung engerer Beziehungen zur Bundesrepublik bezeigen als die Tories. Zwar hält niemand den Premierminister für besonders deutschfreundlich (ganz im Gegensatz zu seinem Außenminister). Aber gerade weil er ein Rationalist sei, so heißt es halte er es für zweckmäßig, daß zwischen London und Bonn in Zukunft besseres Einvernehmen bestehe als bisher.

Patrick Gordon Walker, der erste britische Außenminister dieses Jahrhunderts (wenn nicht überhaupt der erste), der fließend Deutsch spricht, kommt Ende dieser Woche nach Bonn. Die Bundesrepublik wird also nach den USA das erste Land sein, dem er einen Besuch abstattet. Es ist durchaus denkbar, daß Johnson die Briten zur engeren Zusammenarbeit mit Bonn ermuntert hat, denn in beiden Hauptstädten – in Washington wie in London –wächst die Sorge vor dem Sprengungspotential, über das de Gaulle verfügt.