Von Richard Löwenthal

Zu Stalins Zeiten konnte der Außenstehende Vorgänge der sowjetischen Innenpolitik nur an indirekten Anzeichen erschließen und mußte sich dafür von Nichtfachleuten oft den Vorwurf der "Kreml-Astrologie" gefallen lassen. Tatsächlich haben die Spezialisten dafür im Laufe der Jahre eine echte Hilfswissenschaft "Kremlologie" mit durchaus kontrollierbaren Arbeitsregeln entwickelt, die zwar ihre unvermeidlichen Fehlerquellen und Grenzen hat, aber für die laufenden Analysen der Staatsmänner und Wissenschaftler unentbehrlich geworden ist und, wenn mit gründlicher Sachkenntnis und im Zusammenhang mit der Analyse der großen sichtbaren Entwicklungen betrieben, oft wertvolle Resultate liefert.

In ihrer modernen Form beruht diese Technik auf der Analyse dessen, was Myron Rush "esoterische Kommunikation" genannt hat – also auf dem Gedanken, daß Nuancen in der Verwendung ideologischer Formulierungen in offiziellen Sowjetdokumenten, Änderungen in der Verwendung von Titeln und in der Reihenfolge der Anführung von Namen hoher Würdenträger, Anordnungen der Personen in offiziellen Photographien von uns deshalb als Signale für politische Meinungsverschiedenheiten oder Machtverschiebungen in der Spitze der Parteihierachie interpretiert werden können, weil sie bewußt als Signale für einen weiteren, aber immer noch sehr beschränkten Kreis von eingeweihten Funktionären gemeint sind. Die Zahl von Porträts in und an öffentlichen Gebäuden, beziehungsweise ihr Neuauftauchen oder ihr plötzliches, überall gleichzeitiges Verschwinden ist bereits für breitere Kreise gedacht.

Wenn ein Mitglied des Parteipräsidiums beim Gebrauch der Routineformel vom Bündnis der Arbeiter und Bauern den Zusatz "unter Führung der Arbeiterklasse" betont, während ein anderes ihn wegläßt, oder wenn ein Führer bei jeder Gelegenheit ein Lenin-Zitat vom Primat der Ökonomie nach der Machtergreifung verwendet, während ein anderer an Lenins Wort erinnert, daß Politik konzentrierte Ökonomie sei, so braucht der geschulte sowjetische Funktionär nicht auf ausdrückliche Polemiken zu warten, um auf Meinungsverschiedenheiten in der Spitze zu schließen – und der erfahrene Kremlologe auch nicht. Ebensowenig ist es gleichgültig, ob offizielle Dekrete im Namen des Ministerrats und des Zentralkomitees oder im Namen des Zentralkomitees und des Ministerrats unterzeichnet werden. Und man hat darauf zu achten, ob die Mitglieder des Parteipräsidiums alphabetisch oder in anderer Reihenfolge aufgeführt werden, wie nahe oder weit von der Mitte die einzelnen Führer bei feierlichen Gelegenheiten auf der Tribüne erscheinen, oder wie die Anwesenheitsliste bei einer wichtigen Zeremonie nachträglich photographisch "korrigiert" wird.

Neben solchen absichtlichen Signalen kann der Auf- oder Abstieg von Funktionären zweiten Ranges, deren traditionelle Verbindung mit einem Spitzenfunktionär bekannt ist, Schlüsse auf Machtverschiebungen in der Spitze erlauben, besonders dann, wenn er sich massenhaft vollzieht, wie etwa der abwechselnde Aufstieg des ukrainischen und des Leningrader "Clans" im zentralen Moskauer Parteiapparat in den letzten Jahren. Die Verfolgung all solcher Anzeichen hat natürlich um so größeren Wert, je mehr der "Kremlologe" in der Lage ist, die so erschlossenen personellen oder institutionellen Machtverschiebungen mit sichtbaren politischen Entscheidungen einleuchtend zu verknüpfen und so begründete Hypothesen über die politische Tendenz einzelner Führer oder Gruppierungen aufzustellen, bevor diese öffentlich sichtbar geworden sind. Besonders wertvoll waren diese Art von Anzeichen natürlich in den Jahren der Nachfolgekrise nach Stalins Tod.

In den letzten Jahren sind diese erschlossenen Signale und Symptome nun durch Quellen ganz neuer Art ergänzt worden – Quellen, die sich aus dem Zusammenhang zwischen den internen Machtkämpfen und dem wachsenden Sektor der offenen Diskussion in der Sowjetunion ergeben. Die öffentlichen Debatten über wirtschaftspolitische und kulturpolitische Fragen erleichtern, wenn man ihren Verlauf zusammen mit jenen andern Anzeichen studiert, ganz wesentlich auch das Verständnis der internen politischen Auseinandersetzungen. Und schließlich haben wir in den letzten Jahren auch mehr und mehr glaubhafte direkte Mitteilungen über parteiinterne Vorgänge. Natürlich sind nicht alle solche Mitteilungen, wie sie etwa von sowjetischen Funktionären direkt oder auf dem Umwege über polnische oder jugoslawische Kollegen an westliche Kontakte weitergegeben werden, glaubhaft; oft genug werden solche Kanäle benutzt, um eine bestimmte Wirkung zu erreichen – etwa Mitteilungen über Chruschtschows Gefährdung durch eine "stalinistische" Opposition als Argument für die Notwendigkeit westlicher Konzessionen an ihn.

Doch manche Mitteilungen ausländischer kommunistischer Korrespondenten in Moskau an die eigene Parteipresse haben sich als wertvoll und verläßlich erwiesen; und die Mitteilungen kritischer sowjetischer Literaten über die von ihnen vermuteten Zusammenhänge zwischen dem Auf und Ab der gegen sie gerichteten ideologischen Kampagnen und den Vorgängen in der Parteispitze scheinen nicht weniger beachtenswert zu sein. Im Ganzen läßt sich sagen, daß wir über die eigentlich politischen Vorgänge in der sowjetischen Führung zwar immer noch weit weniger wissen als über die Diskussion auf Spezialgebieten, daß aber die Erkenntnisquellen sich auch hier bedeutend verbessert haben.