Großbritannien müsse unter allen Umständen, so verkündete sein neugewählter Premier, die Planung für die eigene Volkswirtschaft in der Hand behalten. Ein Anschluß an die EWG komme nur in Frage, wenn die fünf Bedingungen von Hugh Gaitskell erfüllt seien – Bedingungen also, die wie die Forderung nach völligem Schutz für die britischen Landwirte einen solchen Beitritt unmöglich machen. Mit diesen klaren Feststellungen hat Harold Wilson alle Hoffnungen zerstört, er werde sich in der Europapolitik nach seinem Einzug in Downing Street geschmeidiger zeigen als während des Wahlkampfes. Ein supranationaler Großmarkt in Europa ist für Labour nach wie vor kein Ziel.

Auch Englands Vorgehen bei der Zollerhöhung macht deutlich, daß die neue Regierung von Systemen kollektiver Partnerschaft nicht allzu viel hält Abgesehen von den USA, deren Zustimmung aus wirtschaftlichen und politischen Gründen unerläßlich war, hat das Kabinett in London niemanden, nicht einmal die EFTA-Partner, von dem tiefgreifenden Eingriff vorher unterrichtet – obwohl es dazu eigentlich verpflichtet gewesen wäre.

Harold Wilson hat aus seiner Abneigung gegen die Integration nie ein Hehl gemacht. Man könnte also sagen, daß er zwar schroff, aber doch konsequent gehandelt hat. Man könnte – wenn sein Kabinett nicht unmittelbar nach diesem Alleingang an die internationale Solidarität appelliert und vom Internationalen Währungsfonds einen Kredit von einer Milliarde Dollar angefordert hätte, zu dessen Deckung andere Länder dem IWF 400 Millionen Dollar zur Verfügung stellten.

Die Vision von einem "Neuen Großbritannien", die Wilson als Kern seines Regierungsprogramms betrachtet, läßt sich eben doch nicht ganz aus eigener Kraft verwirklichen. Englands wirtschaftliche Dynamik ist in den letzten Jahren mehr und mehr erlahmt. Seinen Platz als führende Industrienation Europas, den es Jahrzehnte hindurch unbestritten behaupten konnte, hat es noch in den fünfziger Jahren an die Bundesrepublik verloren. Der Entschluß, sich nicht an der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zu beteiligen, hat England dann vollends zurückgeworfen.

Mit seinem Programm zur Modernisierung der Wirtschaft versucht Wilson nun, den Vorsprung des Kontinents wieder einzuholen. Ob ihn allerdings Maßnahmen wie Baustopp und Preiskontrollen oder die Re-Sozialisierung der Stahlindustrie diesem Ziel näher bringen werden, möchten nicht nur eigensinnige Liberale bezweifeln. Doch wäre ein Erfolg für Wilson letztlich auch ein Erfolg für Europa – weil sich nur ein modernes Großbritannien eines Tages dem Wettbewerb in einem europäischen Großmarkt wird stellen können.

Dies alles jedoch sind Hoffnungen auf die Zukunft. Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben: Nach dem Zögern Londons in den Jahren vor der Gründung, nach de Gaulles Veto in Brüssel, ist nun mit der Amtsübernahme Wilsons zum drittenmal eine Chance für die Annäherung Englands an den Europamarkt nicht genutzt worden. Für die nächsten Jahre wird das "Warten auf England" keine Politik der EWG mehr sein können. Harold Wilson hat sich für den einsamen Weg entschieden. Diether Stolze