Kinder, holt den Bronze-August aus dem Keller und stellt den Kübel in die Nische! Aufgeregt stürzt das nicht mehr junge Familienoberhaupt ins Zimmer, und seine aufgescheuchte Familie ahnt’s: Onkel Hans, der gewichtige Geschäftsfreund aus München, ist im Anzug.

Bronze-August, zeitgenössische Plastik, einen nackten, ein Meter großen Jüngling darstellend, wird abgestäubt; der Kübel, ein weit ausladendes Porzellanungeheuer, erhält frische Blumen. Statue und Vase sind Geschenke, die das Münchner Vorstandsmitglied seinem Hamburger Geschäftsfreund zu dessen 50. und 60. Geburtstag dediziert hatte. Zwei mehr oder weniger übliche Geburtstagsgeschenke also? Schenkender und Nehmender würden diese Rubrizierung besagter Präsente weit von sich weisen – wenn auch nicht vor aller Öffentlichkeit. Bronze und Kübel stellen mehr dar: Sie drücken die Hoffnung des Münchners aus, den Hamburger als Geschäftsfreund nicht zu verlieren, die Verbindung ihrer Häuser enger zu knüpfen, das Wirtschaftsleben zu fördern, kurz: zwei Werbegeschenke, die offensichtlich auch ihren Zweck erfüllen, wenn sie im Keller verstauben.

Der Hamburger erwartet mit gelindem Grauen nun seinen 65. Geburtstag, und es beginnt ein beliebtes Quiz seiner Kinder: Was wird diese Firma ihm dann wohl überreichen, und jene, was wohl erst Onkel Hans. Der Hamburger ist einflußreicher Vorsitzender einer Aktiengesellschaft, setzt jährlich hundertzwanzig Millionen um. Noch liegt sein 65ster in der Ferne, vorerst droht nicht weniger Feierliches: Weihnachten 1964. Sein Aufsichtsrat ließ schon um mehrere Ecken fragen, was er sich wohl so wünsche. Das Eßzimmer auszuwechseln – Firmengeschenk 1959 – sei wohl noch zu früh ...?

Suum cuique – meine Weihnachtsgeschenke, die unter dem Rubrum Werbegeschenke einzuordnen wären, beschränken sich auf Kalender, Kalender in jeder Form, das klassische Geschenk von Firmen, die ihre Geschenke in Grenzen halten oder sie genau nach Wichtigkeit der beschenkten Persönlichkeit staffeln. Wenn ich die Jahre zurückblättere: 1958, Taschenkalender aus Leder von Klöckner, geschenkt bekommen von jemandem, der Klöckner als Vertreter vertritt. 1959, Taschenkalender aus Leder von Hoechst, geschenkt bekommen von jemandem, der Hoechst an der Börse handelt. 1960, Taschenkalender aus Leder von der Rheinischen Girozentrale und Provinzialbank aus Düsseldorf, geschenkt bekommen von jemandem, der dort sein Konto führt. 1961, Agenda de l’homme, Leder, für jedes Trimester einen, selbstgekauft, wahrscheinlich um anzugeben. 1962, Taschenkalender aus Kunststoff vom Deutschen Roten Kreuz. 1963, Kunststoffkalender vom Tagesspiegel aus Berlin, 1964, dpa-Kalender, Kunststoff.

Der 62. Katalog für Werbegeschenke 1964 der Firma K. Heinrich Heine aus Karlsruhe ("bringt immer etwas Besonderes – mit dem Erscheinen dieses Katalogs werden unsere früheren Angebote ungültig") offeriert auch Kalender. "Ein Chef-Terminbuch 1965, in feines, grünes Leder gebunden, mit Gebrauchsanweisung, 22 × 15 × 2 cm. Bestellnummer 712 und kostet 15 Mark. Mit Einzelprägung 3,50 mehr. Frühzeitige Prägeaufträge erbeten." Der Katalog läßt es nicht bei Kalendern bewenden. Er verzeichnet "erlesene, repräsentative Geschenke, die Brücken schlagen von Mensch zu Mensch, Geschenke, die Ihres Partners würdig sind. Ab fünf Stück des gleichen Modells erhalten Sie stets Mengenrabatt".

Da gibt es also das gesetzlich geschützte Whisky-Karussell, ein drehbares Holztischchen, in dem 15 Flaschen edelster Sorten eingelassen sind. Zigarrenbehälter, Ascher in allen Ausführungen, den Kühlschrank "Sesam" für das Chefbüro. (598 Mark), Barbestecke, elektrische Taschenmixquirle, eine Spezial-Devisenscheintasche, die goldene Weltzeituhr, alles für den Herrn. Für den Herrn auf "leitendem Posten" gibt es die Aufsichtsratsmappe aus echtem Krokodilleder. "Wer repräsentieren muß – vor allem bei Reisen ins Ausland – braucht sie. In diesem Falle ist die Mappe sofort voll Steuerabzugs fähig bei einem Preis von 598 Mark."

Daß das Medium Werbegeschenke – wer schenkt was, wie, wann und warum? – eine regelrechte Wissenschaft ist, wurde mir bei der Lektüre des Buches von Klaus Hattemer klar, das vor einigen Wochen im Düsseldorfer Econ-Verlag erschienen ist und "Die vergessene Milliarde" heißt. Der Titel deutet es an: Eine Milliarde deutscher Mark werden jährlich in der Bundesrepublik für Werbegeschenke ausgegeben, so jedenfalls Hattemers Schätzungen. Exakte Zahlen fehlen, nicht zuletzt, weil, wie der Autor meint, die Industrie die Bedeutung dieser Art von Werbung noch nicht erkannt habe, oft schamhaft das Wort Geschenk umgehe und es Artikel nennt.