Helmuth Rößler (Herausg.): Weltwende 1917. Musterschmidt Verlag, Göttingen; 214 Seiten, 19,80 DM.

Die Ranke-Gesellschaft, Vereinigung für Geschichte im öffentlichen Leben, hat vor einem Jahr ihre Freunde zu einer Tagung in Arnoldshain versammelt. Vorträge und Diskussionen beschäftigten sich mit den Ereignissen des Jahres 1917, in dem, mehr als im Jahr 1914, heute die Historiker das Jahr der großen Entscheidungen sehen. Die Vorträge und die Aussprachen liegen nun gedruckt vor. Da in den Referaten acht Historiker gesprochen haben, ist eine Zusammenfassung nicht leicht. Sie muß sich mit Stichworten begnügen. Doch darf dem Leser gesagt werden, daß es wenige Möglichkeiten wie in diesem Buche gibt, sich über die geschichtlichen Voraussetzungen der gegenwärtigen Weiterentwicklung zu unterrichten.

Oberst im Generalstab Doktor Hans Meier-Welcker untersucht die militärischen Planungen. Er wendet sich gegen die Anschauung, der Krieg sei ein irrationales Spiel. Er weist nach, daß der militärischen Planung Deutschlands das Ziel eines Sieg-Friedens zugrunde lag, das schließlich die Kräfte erschöpfen und zur Kapitulation zwingen mußte. Den Alliierten, deren Strategie auf die Erschöpfung der Mittelmächte hinzielte, waren Niederlagen im offenen Felde angesichts der Tiefe ihrer Kampfräume und ihrer unbeschränkten materiellen Mittel nicht so wichtig.

Georg von Rauch legt dar, daß seit 1917 der monarchistische Gedanke in Rußland tot war. Die "Weißen" hätten im Bürgerkriege gegen die "Roten" nie eine ernsthafte Chance. Auch die altrussische revolutionäre Überlieferung wurde zurückgedrängt durch den Gedanken der proletarischen Diktatur. Es hieße die Tiefenwirkung und Tragweite der Umwälzung von 1917 unterschätzen, wollte man die Redensart vom "roten Zaren" ernstnehmen.

Ludwig Jedlicka, der den Untergang des Habsburger-Reiches behandelt, hält sich vernünftigerweise nicht lange mit dem Jahre 1917 auf, da die Habsburger eben erst im Jahre 1918, zur Abdankung gezwungen wurden. (Man darf die Bezeichnung des Jahres 1917 als "Schicksalsjahr" nicht pressen). Im Juni 1918 unternahm das österreichisch-ungarische Heer seine letzte große Offensive in Italien. Sie scheiterte nicht zuletzt aus Mangel an Nahrung und Munition. Der Kaiser und General Conrad hatten sich getäuscht. Conrad mußte gehen, schon bildeten sich in Böhmen und in Bosnien "Nationalräte". Die Katastrophe zeichnete sich ab.

Karl Heinz Janßen gibt ein materialreiches Bild von der psychologischen Stimmung in Deutschland vor dem Ende der Monarchie. Er hält die verschiedenen Revolutionsbewegungen sorgsam auseinander und verweilt dann in einiger Ausführlichkeit bei den Möglichkeiten, die sich nach dem 9. November 1918 ergaben. Zu den bleibenden Eindrücken des letzten Historikertages in Berlin gehört die Unbefangenheit, mit der die jüngeren Historiker die Rätebewegung von 1918 bis 1919 betrachteten. Nun, schon ein Jahr vor der Berliner Zusammenkunft sprach Janßen in Arnoldshain ganz gelassen davon, daß es am 9. November nur eine einzige Revolution gegeben habe: die bolschewikische. Was wäre geschehen, wenn Liebknecht nicht die ihm angebotene Präsidentschaft ausgeschlagen hätte? "Auch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg haben deutsch gedacht und deutsch empfunden, sie waren Humanisten, aber keine Verbrecher."

Erwin Hölzle meint, daß die deutschen Kriegsziele im Ersten Weltkriege, wären sie erreicht worden, Deutschland nicht zur Weltmacht hätten werden lassen, da sie in der Hauptsache sich auf Mitteleuropa konzentriert hätten. Er verneint mit Bestimmtheit die Möglichkeit, daß wir 1917 einen Verständigungsfrieden hätten bekommen können. Wenn wir hätten Frieden machen wollen, dann wäre dies nur in der Form der Kapitulation möglich gewesen.