Wer zum erstenmal in die Schweiz fährt, erwartet Berge, Edelweiß und Enzian. Aber Reben? Die Gourmets lieben und loben die Schweizer Küche, bestellen sich aber womöglich für die Forelle einen Mosel oder Chablis; kreislaufgestörte Manager entbehren diätbewußt in den Hotelsanatorien die Rebensäfte. Wer es sich leisten kann, läßt seine Kinder in alkoholfreien Schweizer Internaten und "Töchterinstituten" gesellschaftsfähig werden. Auch ein Gastgeber in Deutschland, der auf sich hält, serviert heute Schweizer Fondue und Raclette – aber keine Schweizer Weine.

Vom Weinland Schweiz aber spricht kaum jemand und doch: das Land der Eidgenossen ist auch eine Weinreise wert, die Schweizer trinken beileibe nicht nur Alpenmilch. Die 550 000 Hektoliter, die jährlich aus Schweizer Weingärten gekeltert werden, bleiben im Lande. 55 Millionen Liter Wein, das ist nicht sehr viel, wenn man zum Vergleich an die 200 bis 300 Millionen von deutschen Rebhügeln denkt, von Italien, Frankreich und Spanien gar nicht zu reden. Die 55 Millionen löschen auch den Weindurst der Schweizer nicht, denn die Eidgenossen sind nicht nur berühmte Bergführer, exzellente Köche, hochspezialisierte Feinmechaniker, Leinenproduzenten, Schokoladefabrikanten, Bergbauern, Gastronomen, Käse-Esser und Demokraten, sondern auch ganz beachtlicheWeintrinker. Der "Durchschnittsschweizer" – jener anonyme Liebling der Statistik und Feind des Menschen – trinkt im Jahr 33 Liter Wein (einige Liter dieser "Kopfquote" kommen sicherlich auch den Fremden zugute). Damit offenbart sich gewiß keine Falstaff-Dimension, aber doch eine überraschende Zuneigung zu gegorenen Traubensäften (der deutsche Nachbar "Durchschnittsmensch" begnügt sich mit nur sieben Litern). Von den 33 Litern der Schweizer "Kopfquote" reifen aber nur drei bis vier in Schweizer Kellern; die übrigen kommen aus Frankreich, Österreich, Italien, Deutschland und anderen Weinländern. Wen wundert es da, daß Weinnamen wie "Twanner", "Schafiser", "Aigle", "Yvorne", "Dézalay", "Arvine", "Amigne", "Malvoisie", "Merlot", "Dôle" und ‚Ticino" nur den Schweizern und wenigen Eingeweihten etwas sagen.

"Mosel", "Rhein", "Franken", "Burgund", "Beaujolais", "Bordeaux" sind geographische Begriffe, die ganz bestimmte Weinassoziationen auslösen, Landschaften, die von dem Bukett ihrer Weine etikettiert wurden. Der Schweiz aber kommt als Weinland das Etikett der Mannigfaltigkeit zu; ihre Einzigartigkeit ist die Vielfalt von Rebe, Traube und Wein. Sogar der Gutedel-Rebe, aus deren Trauben zwei Drittel bis drei Viertel aller Schweizer Weine gekeltert werden, gelingt es nicht, die Schweiz zum "Ein-Sorten-Land" und den Schweizer Wein zu einem "Gutedel-Wein" zu machen. Die Schweizer Variationen über Klima und Boden schenken sogar den Weinen von der gleichen Rebe einen so differenzierten Reichtum an Buketts, daß bei einer Weinprobe mit verschiedenen Gutedelgewächsen auch der Kenner mit der berühmten Zunge und der graduierte Wein-Theoretiker an ihrer Unfehlbarkeit zu zweifeln beginnen.

Schweiz, la Suisse, Svizzera und Svizzra – deutsch, französisch, italienisch und räto-romanisch, die Schweiz ist vielsprachig, auch in ihren Weinen. Bacchus hat hier viele Gesichter.

Bei einer Weinreise in die Schweiz sollte man jegliche Art von Voreingenommenheit zu Hause lassen, auf Überraschungen gefaßt sein und Baedeker, Michelin oder andere Cicerones weingeographisch benutzen ...

... Im Waadtland mit seinem vollwürzigen "Dézalay" – mich erinnerte er an Frankenweine – aber auch mit den Weinen von Pully, Luttry und Rivaz, mit den Gewächsen der "Côte" bei Rolle und der "Petit Côte" bei Morges ...

... Im Wallis mit seinen gehaltvollen, körper- und alkoholreichen Weinen, bei denen die Zunge zuerst nicht weiß, ob sie sich an Burgund, Rheingau, Rheinpfalz, Rheinhessen oder Kaiserstuhl orientieren soll, um dann jede Erinnerung über Bord zu werfen und der Entdeckerfreude für die vielfältige Duft- und Geschmacksskala dieser Weine aus der welschen Schweiz freies Spiel zu lassen. Der rote "Dôle" konkurriert mit burgundischen Spitzengewächsen, der "Arvine" blinzelt zum Haut Sauternes, aber die Schweizer Rheinweine zwischen Chur und Bodensee sind rot und leicht. Wer vom "Gletscherwein" hört,