Funk

SÜDDEUTSCHER RUNDFUNK

Donnerstag, 12. November, die Opernsendung:

Dieses erste Bühnenwerk des "grand liberateur" der französischen Musik des 19. Jahrhunderts Hector Berlioz fiel bei seiner Uraufführung 1838 so glänzend durch wie kaum eine zweite Oper. Der Mißerfolg blieb dem Werk treu. Von den beiden autonomen musikalischen Sätzen abgesehen, der eigentlichen Ouvertüre und dem Vorspiel zum Römischen Carneval, die als Bravourstücke den großen Starorchestern bei ihren Gastspielen in der Provinz als brillante Eröffnungsfanfaren dienen, ist von diesem Opus kaum je ein Takt zu hören.

In Genf holte man jetzt das Werk aus der Versenkung herauf, sechs deutsche (Bremen, Frankfurt, Köln, Saarbrücken, Stuttgart und der Sender Freies Berlin) und eine Reihe anderer europäischer Rundfunkstationen übertrugen anläßlich der Welt-Radio-Woche eine Aufführung live aus dem Grand Théâtre. Man begann zu hören zunächst aus musikhistorischem Interesse, wurde dann gefangen von der Idee des Themas, war schließlich fasziniert von der Farbigkeit der Musik und der Brillanz der Stimmen – der Funk hatte seine Chance gefühlt und eine wirkliche Seltenheit vermittelt.

Der Künstler als Held, als Gegner alles Philiströsen, der seiner Berufung (und ihr allein) folgt, der mordet und der sich freikauft allein durch sein Kunstwerk. Cellini gegenüber Tannhäuser und Mathis. Wagners Musikdrama ist der Musik Hector Berlioz’ nicht fern, dennoch: das Überwältigende geht von der Ausdruckskraft der sehr voluminösen Orchestrierung aus, in die die Vokalparte – Soli wie Chöre – gleichsam einbezogen sind.

Überragend NicolaiGedda in der Titelpartie. Neben ihm großartig die Teresa von Andree Esposito, der Kardinal Nicolai Guzelevs und der Fieramosca von Jacques Doucet. Leichte Trübungen im Gesamtbild durch Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Orchester in den geschwinden Chören. Sehr zu beklagen schließlich die außerordentlich mikrophonwidrige Akustik, die vor allem dem so wichtigen Orchesterpart einige Nuancen seiner Wirkung stahl. H. J. H.