Die Schüsse eines Wahnsinnigen haben vor einem Jahr in Dallas dem Leben eines strahlenden, tapferen Menschen ein Ende gesetzt. Ob sie zugleich auch die politischen Ziele auslöschten, denen dieser Mann sein Leben verschrieben hatte, wird erst die Zukunft erweisen. Denn John F. Kennedys Größe war nicht allein in seinen persönlichen Fähigkeiten begründet – so ungewöhnlich sie auch waren. Mehr noch zeichneten ihn staatsmännischer Weitblick und Führungsbegabung aus, Eigenschaften, die er ins Weiße Haus brachte, dem Zentrum ungeheurer Macht in einer Welt, die tiefgreifende und schwer durchschaubare Wandlungen durchmacht. Seine Größe lag in seinem Sinn für die Realitäten der Gegenwart und seinem Blick für die Möglichkeiten der Zukunft.

Die Zukunft also wird schließlich darüber entscheiden, ob Präsident Kennedys Vision richtig war. Unzweifelhaft aber ist, daß er in der kurzen Spanne Zeit, die ihm als Präsident vergönnt war, ein neues Verständnis für die Probleme und Möglichkeiten der Welt von heute weckte. Denn unter den Mächtigen unseres Erdballs besaß er als einziger einen wachen Sinn für historische Zusammenhänge; und sein Geschichtsverständnis war nicht akademisch, sondern von eigener Erfahrung geprägt. Als er zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, war er mit 43 Jahren der jüngste Amerikaner, dem dieses Amt je übertragen wurde, und der erste Präsident, der im 20. Jahrhundert geboren wurde. Daß er zugleich Nachfolger des ältesten US-Präsidenten wurde, machte den Wechsel nur noch augenfälliger. Kennedy selber war sich dieses Wechsels wohl bewußt. In seiner Antrittsbotschaft sagte er: "So soll in diesem Augenblick und von diesem Ort aus an Freund und Feind gleichermaßen die Kunde ergehen, daß die Fackel einer neuen Generation von Amerikanern übergeben worden ist – geboren in diesem Jahrhundert, gestählt im Kriege, erzogen in der Schule eines kargen und bitteren Friedens ..."

Kennedys Wahl war ein Markstein: Als erster der alten Weltstaaten kapitulierten die Vereinigten Staaten vor der neuen Generation politischer Führer. Macht und Verantwortung gingen in die Hände jener Generation über, die im Ersten Weltkrieg geboren wurde, in den Jahren wirtschaftlicher Depression heranwuchs, im Zweiten Weltkrieg Soldat war und dann im Atomzeitalter in die Politik ging. Dies erklärt das besondere Verhältnis, das Präsident Kennedy überall zur Jugend gewann – nicht nur in Amerika, sondern in der ganzen Welt. Wie stark die Gefühlsbindung zwischen ihm und der jungen Generation war, das zeigte erst die grenzenlose Trauer über seinen Tod. Nicht nur seine eigene Jugend hatte ihm freilich solche Loyalität, ja Liebe gewonnen; schließlich gibt es junge Philister ebenso wie alte. Vor allem waren es seine Einfühlungsgabe und die Präzision, mit denen er die Visionen der Jugend im 20. Jahrhundert ausdrückte.

Kennedy hat sich selbst einmal einen "Idealisten ohne Illusionen" genannt. Er besaß die Sensibilität eines Mannes, der das Mühen und Treiben der Menschen nicht als Moralist, sondern als Historiker betrachtete, der Sinn für Ironie hatte, dem Ironie jedoch nicht seinen Mut zum Handeln lähmte. Er war der Sohn einer wohlhabenden Familie, die aus dem irischen Amerikanertum herauswuchs und anfing, in der Ostküsten-Aristokratie heimisch zu werden. Seine ganze Erziehung war Erziehung zur Distanz – Distanz vom Ethos der Geschäftswelt, von den feierlich-inhaltlosen Riten des Liberalismus und den konventionellen Weisheiten der Linken wie der Rechten. Und wenn ihm seine Welt außerordentliche Privilegien bereithielt, so brachte sein Leben ihm doch mehr als das übliche Maß an Leiden; das drängte ihn noch mehr in die Distanz. Er war vital, und doch hatte ihn die Krankheit fast ständig im Griff. Sein Bruder hat uns berichtet: "Mindestens die Hälfte seiner Erdentage waren Tage intensiver körperlicher Schmerzen.

Die Zeitläufte waren nur dazu angetan, seine Distanziertheit weiter zu festigen. Er lebte in einer Zeit der Desillusionierung, nur wenige Wirklichkeiten waren verläßlich: Familie, Freundschaft, persönlicher Mut, geistige Disziplin, Wissensdrang, Mitleid, Intellekt und Macht. Die Welt ringsumher konnte seine Abneigung gegen allen Gefühlsüberschwang nur fördern. Er war "kühl" in einer Zeit, in der die Jugend nichts höher schätzte als "Kühle".

Doch wäre es ganz falsch, Kennedys Kühle mit Gleichgültigkeit zu verwechseln, wie es manche seiner Mitbürger vor 1960 getan hatten; nachher waren es freilich nur noch wenige. Nur der Unbekannte konnte annehmen, diese offenkundige Distanziertheit sei der Ausdruck von Gefühlsschwäche. Im Gegenteil, er fühlte zu stark; er zwang sich zu "Haltung", um mit einer Welt voller Wirren und Herzeleid fertig werden zu können. Einige Monate vor seiner Ermordung sprach Kennedy auf einer Pressekonferenz über die Entlassung amerikanischer Reservisten, die während der Berlin-Krise einberufen worden waren. Damals sagte er: "Das Leben ist voller Ungerechtigkeit. Mancher fällt im Krieg, mancher wird verwundet, und andere verlassen niemals ihre Heimat ... Das Leben ist ungerecht." Er sagte das nicht mit Bitterkeit, sondern mit dem Wissen eines Mannes, der viel Bitterkeit eines Zeitalters erfahren hat und von dieser Erfahrung geprägt ist.

Daher nahm Kennedy das Leben ernst, niemals sich selber. Er setzte sich leidenschaftlich ein, wenn auch seine Leidenschaft stets nur als "Understatement" Ausdruck fand. Er war immer zwanglos, respektlos hintergründig, geistreich. Dennoch war er ein zutiefst ernsthafter Mensch. Er verkörperte die Geisteshaltung seiner Generation – ihre Abneigung gegen Großspurigkeit, ihr Mißtrauen gegen Phrasen, ihren Widerwillen gegen Theatralik, ihr Aufbegehren gegen die Konventionen und Tabus der Vergangenheit – und ihre Gewißheit, daß Enttäuschungen nicht ausbleiben. Zugleich verkörperte er aber auch die Sehnsüchte seiner Generation – Erfüllung durch Erfahrung, Unterordnung egoistischer Impulse unter gemeinnützige Ideale; Tapferkeit, Freundschaft, Ehre. Es trieb ihn stets dazu, die Parolen von gestern anzuzweifeln, nicht als Vorwand für Tatenlosigkeit, sondern als Vorspiel zur Aktion. Es trieb ihn dazu, die Realitäten der Gegenwart zu ergründen und die Richtung der Geschichte zu erkennen. Mochte die Welt auch in Hoffnungslosigkeit verstrickt sein, so war sie doch eine von Menschen gemachte Welt und konnte daher von Menschen verändert, vielleicht sogar gerettet werden. Kennedy war mit Abraham Lincoln einer Meinung, der – obwohl tief überzeugt von der Vergänglichkeit alles menschlichen Strebens – "Festigkeit im Recht, so, wie Gott uns das Recht erkennen läßt" gefordert hatte. Kennedy war sich durchaus bewußt, wie komplex, ja chaotisch diese Welt ist; gerade deshalb proklamierte er die Pflicht zur Tat und betreue damit seine Generation von ihrem moralischen Nihilismus, riß sie heraus aus dem Kokettieren mit der Ohnmacht und dem eigenen ich, gab ihr wieder Ziele und Hoffnung.