AdF., Rom, im November

Das zweite Vatikanische Konzil schickt sich an, seine dritte Sitzungsperiode abzuschließen. Wann die Väter zur vierten Sitzungsperiode einberufen werden, erfahren sie vom Papst erst bei der feierlichen Schlußsitzung der dritten Session am Wochenende.

Nachdem das Schema über den Oekumenismus gebilligt wurde, können die Bischöfe nun auch die von den zuständigen Kommissionen überarbeiteten Schemata "Über die Kirche" und "Über die Bischöfe" verabschieden. Ob dazu aber die Zeit trotz der zusätzlichen Nachmittagssitzungen ausreicht, ist fraglich.

Zu Beginn der vorletzten Konzilswoche stand die bischöfliche Versammlung noch unter dem Eindruck, daß es zum erstenmal zu einer grundsätzlichen Meinungsverschiedenheit zwischen dem Papst und der Mehrheit der Konzilsväter gekommen war. Paul VI. hatte dem Konzil einen Besuch abgestattet. Er wollte auf "die einzigartige Wichtigkeit" des gerade diskutierten Themas "Missionsarbeit" hinweisen und ermahnte die Konzilsväter, den Entwurf einer strengen, aber gerechten Prüfung zu unterziehen. Doch der Wunsch des Papstes wurde nicht erfüllt. Die Verabschiedung des Missionsschemas wäre ein guter Auftakt zu seiner Reise zum Eucharistischen Kongreß in Bombay gewesen. Die Vorlage wurde heftig kritisiert; bei der Abstimmung sprachen sich von 2000 Konzilsvätern 1600 für eine gründliche Überarbeitung aus.

In diesem getrübten Konzilsklima verlief auch die Debatte über den letzten Teil des Schemas Nr. 13 "Über die Kirche in der Welt von heute". Es ging um die Frage, ob die Anwendung von nuklearen Waffen in einem Krieg zulässig sei oder nicht. Der holländische Kardinal Alfrink forderte das Konzil auf, die Verwendung von Atombomben in jedem Fall zu lichten, gleichgültig ob sie "sauber" seien oder ob es sich um "schmutzige" handelte. Nach Ansicht Alfrinks ist jeder Atomkrieg zu verurteilen, auch wenn es sich um eine defensive Reaktion auf den Angriff einer anderen Macht handeln sollte.

Diese Meinung wurde vor allem vom Weihbischof von Lyon, Monsignore Ancel, und von Monsignore Guilhelm, unterstützt. Ancel meinte: Alle Nationen müßten ihre Streitkräfte bis auf wenige Einheiten abschaffen, die lediglich zum Schutz der öffentlichen Ordnung dienen sollen; Guilhelm forderte das Konzil auf, die ABC-Waffen zu verdammen und den Glauben zu zerstören, daß der Frieden durch ein militärisches Gleichgewicht gewahrt werden könne. Dagegen standen der Weihbischof von Washington, Hartnan, und der Bischof von Liverpool, Beck, auf. Sie befürchten, daß die Kirche durch solche Aufrufe Völkermassen in Bewegung bringen würde, die eine Verteidigung des Westens behindern könnten.

Im Grunde geht es bei der Auseinandersetzung in der Kirchenführung um den moraltheologischen Begriff des "gerechten Krieges im Atomzeitalter". An dieses Konzil wird die Frage herangetragen, ob es diesen Begriff überhaupt noch gebe, wenn die Zerstörung durch Atombomben zum verletzten Recht in großem Mißverhältnis stehe, Oder haben jene Konzilsväter recht, die politische Gesichtspunkte in den Vordergrund rücken und meinen: Wartet mit solchen superpazifistischen Definitionen erst ab, bis ihr sicher seid, daß es der anderen Seite, den Ländern des Ostblocks, mit ihren Friedensbeteuerungen wirkt lich ernst ist.

Die deutschen Konzilsväter werden sich vielleicht bei diesem Hin und Her der Debatte an die Worte eines der größten Soziologen der Kirche, des verstorbenen Jesuitenpaters Gundlach, erinnern: Es gibt, so fand er, absolute Rechtsgüter wie die Freiheit und die Religion, die vor einem Gegner, der diese Güter systematisch verneint, auch mit den äußersten Mitteln verteidigt werden müssen.