Von Ernst Weisenfeld

Selten verläßt er eine Rednertribüne, ohne seinen Zuhörern ein klassisches Zitat serviert zu haben, dem literarischer Seltenheitswert beizumessen ist. In den Pausen seines Umgangs mit der Macht veröffentlichte er drei Essays und – 1961 – eine "Anthologie französischer Poesie".

Er ist heute der Mann, der in Abwesenheit General de Gaulles und im Überraschungsfall den Einsatzbefehl für die "force de frappe" zu geben hat. Der General tat auch einiges, um ihn als seinen designierten Nachfolger erscheinen zu lassen, und die Gerüchte verstärken sich, daß er Georges Pompidou vielleicht schon im Herbst 1965 oder aber, nach einer verkürzten Amtsperiode, etwa im Jahre 1967/68 für das höchste Staatsamt kandidieren lassen werde. Schon gibt es aber auch Leute, die meinen, solange brauche Pompidou nicht einmal mehr zu warten.

Georges Pompidou ist nicht der einzige Regierungschef, der sich in seiner Freizeit mit Rosen und anderem Gartengewächs beschäftigt. Vielleicht aber ist er der einzige, der mitten in den Regierungsgeschäften einen Antiquar vorläßt, welcher ihn auf eine kleine Kostbarkeit in einer sonst unbedeutenden Versteigerung aufmerksam machen will. Kürzlich nahm er für einige Stunden ein Flugzeug nach Genf, um in Lausanne eine Gemäldeausstellung zu besuchen. "Wenn er richtig reich wäre, was er nicht ist" – so sagen seine Freunde –, "dann würde er sein Geld immer noch eher in Bildern und alten Kommoden anlegen als in dem Versuch, eine der Öl- und Verkehrsgesellschaften zu beherrschen, in deren Aufsichtsräten er jahrelang die Interessen des Hauses Rothschild vertrat."

Er kam 1954 zu den Rothschilds, weil er einmal als Gymnasiallehrer einem Rothschild in der Schule und zu Hause geholfen hatte, das Klassenziel zu erreichen. "Ich verstehe nicht, daß ein Mann wie Sie, der überall mehr Geld verdienen kann, in den Staatsdienst geht", hatte ihm der alte Rothschild gesagt. Aber bevor er sich von dem renommierten Bankhaus anstellen ließ (dessen Leitung er innerhalb von zwei Jahren übernahm), fragte er General de Gaulle, ob er keine Einwendungen habe.

Man hat ihn als einen "Generaldirektor der Macht" und als eine "graue Eminenz" dargestellt. Dies ist richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Er ist zugleich auch ein Bonvivant, ein Mann, der mit schönen Dingen umzugehen weiß und dafür Zeit haben möchte. Er muß, was die Schule ihm zu lernen aufgab, mit großer Leichtigkeit gelernt haben. Er spricht Deutsch, Englisch, Spanisch, Latein und Griechisch; die beiden alten Sprachen lehrte er an Gymnasien. Als Premierminister unterhält er sich grundsätzlich nur in seiner Muttersprache, was, wie man versichert, bei ihm nicht eine Frage der Verhandlungstaktik ist. Er meint, daß ein Politiker nur auf diese Weise sicher ist, immer das gesagt zu haben, was er sagen wollte.

Sein Vertrauensverhältnis zu General de Gaulle, das ihm noch eine längere politische Karriere zu garantieren scheint, ist erstaunlich. Bei aller Würde des Auftretens, die er mit der ihm angeborenen Bonhomie verbindet, fehlt ihm jeder Sinn für zeremoniellen Pomp. Er vermeidet pathetische Auftritte, fährt abends aus dem Hotel Matignon, der Residenz der französischen Premierminister, in seine alte Privatwohnung auf der romantischen Ile St. Louis im Herzen von Paris, und geht dann vielleicht noch (untergehakt mit seiner Frau) auf ein Bier zu "Lipp", schräg gegenüber der Kirche, von St.-Germain-des-Pres. Er entfernte aus seinem Arbeitszimmer, das mit Möbeln des achtzehnten Jahrhunderts ausgestattet ist, einen Maler derselben Epoche, um einen abstrakten Soulages aufzuhängen. Als er kürzlich einen Staatsbesuch in Stockholm machte, ließ er zum Diner der französischen Botschaft auch zwei zufällig anwesende bekannte Vertreterinnen der nicht gerade klassischen Muse einladen: Françoise Sagan und Juliette Greco. Er ist "parisien" genug, um für so etwas das Stirnrunzeln, das er im Elysée auslöste, in Kauf zu nehmen.