Es scheint zum Wesen der musikalischen "Stars" zu gehören, daß sie kommen, siegen und zu neuen Gipfeln davonfliegen. Man weiß von Sängerinnen, die dienstags an der "Met" in New York auftraten und freitags schon in der Staatsoper Wien. Und den Begriff "Schlafwagen-Tenor" könnte man getrost so erweitern, daß der Ausdruck "Flugdirigent" sich ebenfalls einbürgerte. Wo ist denn der große, anerkannte Künstler, der heutzutage noch zu Hause bleibt? Immerhin ...

Vor fünfundzwanzig Jahren war der jüngste deutsche Generalmusikdirektor der blutjunge Günter Wand in Köln: ein lang aufgeschossener, sensibler Dirigent vom Furtwängler-Typ. Heute heißt der Kölner Musikchef noch immer Günter Wand. Er wird – hoffentlich – noch lange so heißen, denn sein Posten des "Gürzenich-Kapellmeisters" ist ein Amt auf Lebenszeit.

Der "Gürzenich" – das ist ein mittelalterliches, im letzten Krieg zerstörtes, inzwischen äußerlich nach der Tradition, inwendig aber modern wieder aufgebautes Festhaus: Kölns "gute Stube". Das "Gürzenich"-Orchester ist eines der besten deutschen Klangkörper, und sein Ruhm ist mit dem Gedächtnis an Dirigenten wie Hermann Abendroth, Fritz Steinbach und Wüllner verbunden: imponierende Gestalten, die im Musikleben ihrer Zeit viel bedeuteten und mit den Musikschöpfern ihrer Tage befreundet waren. Auf ihnen allen lastete die vertragliche Pflicht: Bleibt zu Hause’. Oder: ‚Wenn Ihr ausfliegt, haltet Euch in der Nähe auf!‘

In Paris, Brüssel, Basel waren die Kölner "Musikpäpste", die alle etwas Herrenhaftes und zugleich Urbanes an sich hatten, noch zu Hause. Abendroth galt etwas in Berlin, und Wand, der einmal einer Einladung nach Rußland folgte, gilt etwas in Frankreich, wo er durch Schallplattenaufnahmen, die er bei einem großen Unternehmen in Paris macht, sogar eine gewisse Popularität genießt. Aber Köln ist für die Musikfreunde in Paris fast schon Nachbarschaft, so wie Baden-Baden, wo Pierre Boulez, der führende französische Komponist der jungen Generation, seit Jahren seinen Wohnsitz hat.

Ein Lob den Seßhaften! Denn daß dort, wo solch ein "weißer Rabe" lebt oder vertraglich auf Lebenszeit angebunden wurde (manchmal vielleicht zu seinem Bedauern), noch am ehesten aus der Kontinuierlichkeit seines Wirkens eine dauernde, nie nachlassende Kulturpflege ermöglicht wird, scheint klar. Das Lob sprach dem seßhaften Günter Wand übrigens das Gürzenich-Orchester selber aus: Die Künstler hatten bei Ewald Mataré einen "Gürzenich-Ring" in Auftrag gegeben und überreichten ihn soeben ihrem "Gürzenich-Kapellmeister", der in einer "sehr familiären Feier" (so die "Kölnische Rundschau") nicht nur von seinem Dank, sondern von seiner Liebe zu diesem Orchester sprach.

Es ist das Vokabular der Seßhaften, der Treuen, der freiwillig Angebundenen, in das der Ausdruck "Liebe" gehört.