Von J. F. Köver

Die Wirtschaft Westeuropas steckt seit Jahren in einem Engpaß – es fehlt an Arbeitskräften. Ein zweiter zeichnet sich bereits ab, der Mangel an langfristigem Investitionskapital. Dieser Engpaß wird aber auch vor England und Amerika nicht Halt machen. Die Leitung der Weltbank und auch andere führende internationale Finanzkreise haben dieses auf uns zukommende Problem erkannt und auch nicht verschwiegen. Die Geschäftswelt verschließt sich dieser Einsicht dagegen noch, weil die Symptome dieser Erkrankung bisher nicht sichtbar geworden sind.

In der Bundesrepublik ist der Optimismus ungebrochen, vielleicht weil in den letzten zehn Jahren der Zinssatz von 8 Prozent für Schuldverschreibungen im Laufe der Jahre auf 6 Prozent zurückgegangen ist. Ein anderer Denkfehler haftet den Erwägungen in der Schweiz an. Hier glaubt man, die Nationalbank würde das Problem der Beschaffung von langfristigem Investitionskapital schon lösen, weil drei wichtige Branchen – die Landwirtschaft, der Wohnungsbau und der Bau von Wasserkraftwerken – auf billiges Anlagekapital angewiesen sind. In Italien und in Frankreich hat die langanhaltende Inflation hohe Zinsen schon zur Gewohnheit werden lassen. Acht bis neun Prozent für kommerzielle Kredite hält man für normal.

Fast überall wird übersehen, daß man den Preis (also den Zinssatz) für das Investitionskapital weitgehend mit dem Stand der Marktversorgung identifiziert. Der kreditsuchende Geschäftsmann beachtet nur die Höhe der Zinsen, die einen Faktor seiner Selbstkosten darstellen. Daß eine Periode herannaht, in welcher er vermutlich nicht einmal zu hohen Zinsen hinreichend mit Investitionskapital versorgt werden kann, bemerken die wenigsten unter ihnen. Dabei kommt es aber nicht so sehr auf den Preis für das Investitionskapital an, sondern darauf, daß Investitionskapital überhaupt vorhanden ist, um die Expansion zu finanzieren.

Eine bedeutende Persönlichkeit der schweizerischen Elektrizitätswirtschaft sagte vor mehreren Jahren, als mit dem Ausbau weniger günstig gelegener Wasserkraftwerke begonnen und eine Verteuerung des elektrischen Stromes in Kauf genommen werden mußte: "Die teuerste Kilowattstunde für die Industrie, ist jene, die nicht, geliefert werden kann".

Im volkswirtschaftlichen Sinne wird also das Investitionskapital am teuersten sein, das nicht vorhanden ist und die fortlaufende Expansion der Gesamtwirtschaft unterbinden wird.

Rohstoffe sind in vielen Fällen untereinander ersetzbar. Die chemische Industrie hat eine unerschöpfliche Phantasie, solche Auswege zu finden Die Automation zeigt, daß menschliche Arbeitskraft sehr weitgehend durch Investitionen in technischer Einrichtung ersetzt werden kann.