Ich stelle mir einen grauen deutschen November in einigen Jahren vor, an dem folgende Rede gehalten wird.

Meine Damen und Herren, bevor wir der Tage gedenken, als der heutige demokratische Stil dieses Landes geprägt wurde, sollten wir einen Blick zurückwerfen auf jene Epoche, als die Demokratie bei uns noch in einer uns Heutigen seltsam, fast rührend anmutenden Weise ausgeübt wurde: vornehmlich nämlich im Parlament oder, wie man damals sagte, im Bundestag und seinen Ausschüssen. Von dieser Art der Demokratie können wir heute mit Gewißheit sagen, daß sie sich bei uns – wie zwei Versuche bewiesen haben – nicht hat einbürgern wollen, bis sie schließlich in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts eines sozusagen lächelnd betrauerten Todes gestorben ist.

Manche der älteren unter ihnen werden sich noch an den Bundestag seligen Andenkens erinnern und an das Bundeshaus in Bonn, das inzwischen bekanntlich von einem Hamburger Verlagshaus für einen Filialbetrieb aufgekauft wurde. Verschweigen wir in dieser Stunde nicht, daß dieser Bundestag in den ersten Jahren seines Bestehens zu einigen Hoffnungen berechtigte und oft eine Stätte lebendiger Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition war, die in der Öffentlichkeit nicht ohne Resonanz blieb.

Dieser für unser Land fast etwas ungesunde – um nicht zu sagen: perverse – Zustand währte natürlich nicht lange. Wie es nach langem, schwerem, vom Volke geduldig getragenem Siechtum zum Tode des Patienten kam, kann hier nicht im einzelnen erörtert werden. Wichtiger erscheint es mir, jenen Stil zu würdigen, der an die Stelle der alten parlamentarischen Demokratie trat und sie gänzlich verdrängte. Ich spreche natürlich vom Interviewismus,

Es waren Novembertage wie jetzt, als dieser Stil im Jahre 1964 kreiert wurde – und zwar von Männern, deren Namen zum Dank für diese entscheidende Tat genannt werden sollten: Allen voran die Herren Adenauer und Gerstenmaier, dann aber auch die Herren Schröder und Erhard – wahre Pioniere unserer heutigen Demokratie. Diese Männer gehörten alle verschiedenen Parteien einer einzigen Partei an; es gab nicht viele politische Themen, über die sie einer Meinung gewesen wären. Einig waren sie sich nur darin, daß sie ihre Meinung nicht mehr im Bundestag äußern wollten, sondern vorwiegend nur noch in Zeitungen.

Aus diesen Uranfängen ist, lassen Sie mich das feststellen, eine Institution geworden. Wer von uns könnte sich noch heute einen Tag ohne die morgendlichen Interviews sämtlicher Minister vorstellen? Welcher Minister und Bundeskanzler würde noch, wie es früher üblich war, in Kabinettsitzungen seine Ansichten zur politischen Lage äußern – wo er das doch viel klarer und ausführlicher in Zeitungen tun kann?

Inzwischen hat sich das alles wunderbar eingespielt. Kein Minister ohne eigene Interview-Zeitung und tägliche Interview-Spalte. Kein prominenter Politiker ohne eigenen Leib-Interviewer, Der jeweilige Bundeskanzler darf zwei Leib-Interviewer haben – einen für das morgendliche und einen für das abendliche Interview.