Borys Lewytzkyj: Die Sowjetukraine 1944 bis 1963; Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 443 Seiten, 24,– DM.

Im Jahre 1961 erschien von Borys Lewytzkyj das Werk "Vom roten Terror zur Sozialistischen Gesetzlichkeit". Es war die erste grundlegende Darstellung der Geschichte des sowjetischen Sicherheitsdienstes nach dem Kriege. Lewytzkyj, Exilukrainer, hatte dieses Buch seinen Eltern und seinen beiden Brüdern gewidmet, die alle Opfer des Stalin-Terrors geworden waren. Dennoch zeichnete sich der Autor durch eine Objektivität aus, die gegenüber diesem Thema nicht größer hätte sein können; Es ist nicht selten in der politischen Literatur und des Nachdenkens wert, daß die wirklich Leidtragenden zu einer Sachlichkeit gegenüber ihren Feinden fähig sind, zu der sich der persönlich Unbeteiligte aus seiner Schreibtischperspektive oft nicht durchzuringen vermag.

Das Lob strenger Wissenschaftlichkeit ist auch Lewytzkyjs Darstellung der Entwicklung der Sowjetukraine seit Kriegsende zu spenden. Schon seine Gliederung weist es als Standardwerk aus: während der erste Teil die Zeit von 1944 bis zu Stalins Tod behandelt und der zweite sich mit dem Abschnitt "Vom Tauwetter bis zur erneuten Erstarrung" auseinandersetzt, beschäftigt sich Lewytzkyj im dritten mit der Rolle, die die Ukraine beim wirtschaftlichen Aufbau des Kommunismus zu spielen hat. Er liefert sodann in weiteren sechs Teilen statistische Angaben, Personalia, Kurzbiographien und bibliographisches Material – alles Fakten, die den ohnehin schon legendären Ruf seines Münchner Archivs noch steigern werden.

Dem ukrainischen Volk, dem zweitgrößten der Sowjetunion, ist es in seiner Geschichte nicht vergönnt gewesen, auf längere Zeit Eigenstaatlichkeit zu gewinnen und zu behaupten. Angesiedelt in einem Kulturgebiet, dessen Hauptstadt Kiew um volle vier Jahrhunderte älter war als das spätere Moskau, befand es sich im Schnittpunkt der widerstreitenden Interessen der Großmächte. Doch bis in die jüngste Gegenwart flackerte immer wieder der Wille zur politischen und kulturellen Selbständigkeit auf. Er hatte sich manifestiert in der Organisation Ukrainischer Nationalisten und der Ukrainischen Aufständischen Armee, deren letzte Widerstandsnester um 1953 von den sowjetischen Sicherheitsorganen ausgehoben wurden. Das sozialpolitische Programm der Widerständler hatte zwar die politische Selbständigkeit der Ukraine im Rahmen einer demokratischen Staatsordnung zum Ziel, richtete sich aber ebenso gegen das Wiedererstehen des Kapitalismus in der Ukraine, das heißt auf die Vergesellschaftung der Produktionsmittel.

Als ein weiteres Zentrum des ukrainischen Nationalismus sah Moskau die ukrainisch-katholische Kirche des byzantinischen Ritus an, um die sich eine Bevölkerung scharte, die sich im letzten Krieg politisch als besonders unzuverlässig erwiesen hätte. Unter dem Druck der sowjetischen Behörden vollzog sich 1946 die "Rückkehr" von fünf Millionen Katholiken aus der Westukraine in den "Schoß" der orthodoxen Kirche..

Die Mitgliedschaft der Ukraine in den Vereinten Nationen, die Einverleibung der Krim als "Geschenk des russischen Volkes" und andere scheinbare Zugeständnisse an einen ukrainischen Nationalcharakter täuschen nicht darüber hinweg, daß der Russifizierungsprozeß rapide Fortschritte macht. Das bedeutet nicht gleich eine Veränderung der ukrainischen Mentalität. Wer heute durch die Ukraine reist, spürt im Alltagsleben deutlich einen angenehmen Kontrast gegenüber dem Zivilisationsstand der russischen Provinz. Auch auf kulturellem Gebiet gibt es immer wieder Ansätze, innerhalb der legalen Möglichkeiten die nationale Individualität zu behaupten. Aber während es in den zwanziger Jahren in der Sowjetunion außerhalb der Ukraine Schulen mit ukrainischer Unterrichtssprache gab, fehlen heute jegliche Gesetze, die der Regierung der Sowjetukraine die kulturelle Betreuung der Landsleute jenseits der Grenzen der Republik zugestehen.

Lewytzkyj meint, daß die Praxis der sowjetischen Nationalitätenpolitik zeige, daß die Kommunisten die nationale Frage nicht gelöst haben und auch nicht lösen wollen. Ihr Ziel bleibe die beschleunigte Schaffung einer monokulturellen Gesellschaft, deren Gesicht von der russischen Nation geprägt wird. Dieser Prozeß ist unbeeinflußt von der Tatsache, daß viele ukrainische Parteifunktionäre zu den Steigbügelhaltern für Chruschtschows persönliche Karriere gehörten, worüber Lewytzkyj aufschlußreiche Einzelheiten mitteilt. Der Autor kann sich aber nicht vor der Tatsache verschließen, daß in wachsendem Maße jetzt eine Generation in die Schlüsselpositionen gelangt, die viele Götzen der Stalin-Ära gestürzt vorfindet und sich auch im Verhältnis zwischen der ukrainischen Kommunistischen Partei und der Gesellschaft eine Entwicklung anbahnt, die ganz neue Probleme aufwirft. Schließlich glaubt er in der stetigen Vergrößerung der kulturellen Kader der Sowjetukraine einen Beweis dafür zu sehen, daß das ukrainische Volk trotz Stalinterror und Russifizierungsdruck nicht hoffnungslos in die Zukunft blicke. Der nüchterne Sachverstand Lewytzkyjs schließt auch bei solchen Voraussagen allen billigen Zweckoptimismus aus.

Günther Specovius