Von Heinz Ungureit

Lohnt es schon, über Fernsehspiele in größeren Zusammenhängen zu sprechen? Oder ist es bereits zu spät, nachdem man die beachtenswerten Versuche vielfach unbeachtet gelassen hat, nachdem überall in den Studios die Theaterabfilmung Usus geworden ist und eine experimentierfreudige Fernsehspielabteilung wie die Baden-Badener mit Hubert von Bechtholtsheim, Benno Meyer-Wehlack und Peter Lilienthal aufgeflogen ist?

Das Zahlenbeispiel, das Egon Monk gibt, klingt nicht gerade ermutigend: Danach stehen 200 bearbeiteten (oder abgefilmten) Theaterstücken und etwa 90 bearbeiteten Romanen nur rund 25 originale Fernsehspiele gegenüber. Aber nicht die Zahlen sind die eigentliche Crux (beim Film hat man es sich längst abgewöhnt, in der Adaptation literarischer Vorlagen grundsätzlich Probleme oder Mankos zu sehen), sondern die meist von Theaterleuten bequem geübte Praxis mit mehreren Elektronenkameras, die ihnen das Bewußtsein, überhaupt mit der Kamera zu arbeiten, weitgehend erspart und ihnen alle Theatermethoden des szenischen Durchspielens erlaubt. Daß dabei sämtliche Fehler jener früheren Filmzeit wiederholt werden, in der die Kamera noch nicht "entdeckt" war, scheint kaum noch jemanden zu beunruhigen.

Darüber sollte nun doch gesprochen werden, wie über die anderen Beispiele, die auf der Höhe der Zeit sind und den besten Produkten des deutschen Kinofilms getrost an die Seite gestellt werden können. Anlaß zu solchen Reflexionen bot der kürzlich zum erstenmal verliehene Fernsehpreis der Deutschen Akademie der darstellenden Künste in Frankfurt.

Mit der Auszeichnung von Heinar Kipphardts szenischem Bericht "In der Sache J. Robert Oppenheimer" wurde zwar kein Fernsehfilm gewürdigt (es gibt keinen vergleichbar guten, weder "Seelenwanderung" noch "Orden für die Wunderkinder" oder "Wilhelmsburger Freitag"), aber ein zwischen Aktion und Demonstration liegendes Diskussionsstück, das mehr dem publizistischen Instrument des Fernsehens zugehört als dem Theater, auch wenn es jetzt auf zahlreichen Bühnen "nachgespielt" wird. Die Entfaltung eines dialektischen Denkprozesses – als Rekonstruktion des dem Brustschen Galilei verwandten neuzeitlichen Loyalitätskonflikts eines Physikers – informiert den Zuschauer über diesen wichtigen historischen Vorgang und zwingt ihn mitzudenken.

Über die Einbeziehung tatsächlicher Bilder und Vorgänge in das Fernsehspiel (parallel übrigens zur Pop-Art, zu den reportagehaften Detailbeschreibungen moderner Epik und den vielfältigen cinéma-vérité-Bemühungen) herrscht freilich unter den Praktikern und Theoretikern weitgehend Uneinigkeit. Gern hält man das verinnerlichte Abbild der Studio-Theaterszenerie frei von solchem "Einbruch der Realität" in geheiligte Ästhetik, ohne allerdings zu bedenken, daß der Realitätscharakter des abgefilmten Theaterbildes sowieso ein anderer ist als der der realen Theaterszenerie.

Das läßt sich an Beispielen beweisen. Heinar Kipphardts Bearbeitung des Bühnenstücks "Der Hund des Generals" fürs Fernsehen bekommt in jenen Szenen eine geradezu lächerliche Note, in denen reales Kriegsgeschehen von der Bühne her abgefilmt wird. Wie leicht wirkt im geschlossenen Fernsehbild hilflos gestellt, was auf der Bühne Imaginationen weckt. Wieviel flächiger, atmosphäreloser, langweiliger kommen die meisten Abbilder von Theater- oder theaterähnlichen Studioinszenierungen auf dem Bildschirm an.