Von Nikolai Titow

Der Autor dieses Artikels ist Russe und lebt in Moskau; er ist bei dem Sekretariat des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon, in dem Artikel RGW genannt) tätig. Längere Zeit hat er in der DDR am Aufbau der chemischen Industrie mitgearbeitet und ist offenbar über die Zusammenarbeit der einzelnen Ostblockländer auf diesem Gebiet gut unterrichtet. Ein Artikel unseres Mitarbeiters Wolfram Pohl ("Chemie heißt das große Zauberwort", DIE ZEIT Nr. 26) veranlagte ihn, uns einen Brief zu schreiben. Wir geben seine Zuschrift unwesentlich gekürzt wieder.

Sie veröffentlichten in Ihrer Zeitung einen Artikel, der die Leistungen der Mitgliedsländer des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) in der Entwicklung der chemischen Industrie, insbesondere die Rolle und Bedeutung der Deutschen Demokratischen Republik im Rahmen des RGW, behandelt. In einigen Punkten kann ich diesem Artikel nicht zustimmen.

Sie haben vollkommen recht, wenn Sie die große Bedeutung der chemischen Industrie für die weitere Entwicklung der Wirtschaft der RGW-Länder hervorheben. Die Chemie steht tatsächlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ihre Bruttoproduktion zum Beispiel ist in der DDR 1963 fast viermal so groß gewesen wie 1950. In den anderen RGW-Ländern betrug die Steigerung das Fünf- bis Dreizehnfache. Es stimmt aber nicht, daß, wie Sie behaupten, die Sowjetunion einseitig Nutzen aus den Beziehungen zu den anderen sozialistischen Ländern ziehe. Wie stehen die Dinge wirklich?

Die Chemie bietet ebenso wie andere Zweige der Industrie günstige Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit auf internationaler Ebene. Es wäre unzweckmäßig, die Produktion von chemischen Erzeugnissen aller Art in sämtlichen Mitgliedsländern des RGW ohne Ausnahme zu entfalten. Viel zweckmäßiger ist es, solche chemischen Produktionen aufzubauen, für die in dem betreffenden Land die günstigsten Bedingungen herrschen. In diesem Fall bietet sich die Möglichkeit, rentable Großproduktionen zu schaffen, die nicht nur den inneren Bedarf eines Landes decken, sondern auch den Bedarf anderer befreundeten Länder. Die Spezialisierung der chemischen Produktion fördert auch den Außenhandel mit Chemiewaren zwischen den RGW-Staaten. Wenn einzelne Mitgliedstaaten, darunter die Sowjetunion, aus der DDR Photochemikalien, Farbstoffe, chemische Pflanzenschutzmittel, Lacke, Farben und anderes mehr beziehen, so ist das nicht nur für die Bezugsländer, sondern auch für den Lieferstaat vorteilhaft.

Die Produktionskapazitäten der DDR im Bereich der Photochemikalien, Farbstoffe, chemischen Pflanzenschutzmittel, Lacke, Farben und anderer Produkte übersteigen den Eigenbedarf dieses Landes. Es wäre schlecht um die Arbeiter der chemischen Industrie in der DDR bestellt, wenn ihre Erzeugnisse keinen Absatz in den Partnerstaaten fänden. Sind doch die Länder des Gemeinsamen Marktes für Chemiewaren der DDR wie überhaupt für Erzeugnisse der sozialistischen Länder durch hohe Zölle gesperrt.

Im Jahre 1956 konstituierte sich innerhalb des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe eine Ständige Kommission für chemische Industrie mit Sitz in Berlin unter der Leitung von Dr. Schirmer, einem Staatsangehörigen der DDR. Auf Vorschlag der Kommission sind verschiedene Projekte zur gemeinsamen Erweiterung der Rohstoffbasis der chemischen Industrie verwirklicht worden.