Der Wunsch, außergewöhnliche, auch in ihren Ländern nicht ganz einzuordnende Erscheinungen fremder Literaturen ins literarische Leben Deutschlands einzubürgern, ja möglichst zu integrieren und in eine lebendige Austauschbeziehung mit den heimischen Geistern zu setzen, scheint von jeher nicht gerade brennend gewesen zu sein. Selbst wenn diese Erscheinungen mittlerweile zu Repräsentanten ihrer jeweiligen Nationalliteratur geworden waren. Dem Einwand: Shakespeare! läßt sich begegnen mit dem Hinweis auf Racine oder auf die schon grotesken Barrieren von Mißverständnis, Indolenz und Begriffsstutzigkeit (in den Fällen Molières und Goldonis), die sich bis heute hier nicht haben durchbrechen lassen.

Auch in neuerer Zeit ist sorgfältiger eigentlich nur das adaptiert worden, was Anlaß zur Mode und Imitation zu bieten versprach – von Proust und Joyce bis, vielleicht, zu Beckett und Ionesco; aber bereits alles, was zum Schlagwort nouveau roman gehört, wird äußerst fahrlässig definiert. Fahrlässigkeit und Oberflächlichkeit herrschen vor in der Beschäftigung mit Borges oder Céline zum Beispiel, wo Meinungen, die sich nach fragmentarischer Kenntnis bildeten, nicht mehr am gesamten zugänglichen Werk überprüft wurden; Unkenntnis, völlige, kann nur erklären, daß ein Buch von Queneau in einer Spiegel- Kritik zur Trivialliteratur abgeschoben wurde (und der Rezensent Ironie und Technik des Autors gänzlich hilflos gegenüberstand); Unkenntnis ist schließlich beweisbar im Falle Nathanael West, dessen Werk, nachdem es Jahrzehnte von den ein wenig tönernen Kolossen Faulkner und Hemingway überschattet worden war, nun aus seinem Schattendasein hervorzutreten beginnt.

Diese traurige Bilanz hat jedoch einen besonderen und sehr konkreten Anlaß. Es ist die Art und Weise, wie wir jüngst eine außerordentliche und in ihrer Wirkung noch gar nicht abzuschätzende Erscheinung aus einer fremden Literatur, mit der wir konfrontiert wurden, aufgenommen oder vielmehr nicht aufgenommen haben. Ich meine Carlo Emilio Gadda.

Vor etwa zwei Jahren wagte ein deutscher Verlag – und wieviel Mut dazu gehörte, wird man noch sehen! – Gaddas gewaltigen Roman "Die gräßliche Bescherung in der Via Merulana" zu importieren und bei uns herauszubringen, ein gewaltiges. Buch in jeder Beziehung, was inneren und äußeren Umfang angeht, was seine Bedeutung, seine möglichen Auswirkungen, seine verändernde Funktion in der gesamten gegenwärtigen literarischen Situation betrifft.

Natürlich fehlte es beim Echo der Kritik nicht am gebührenden Respekt, aber das Buch wurde doch im allgemeinen als großartig, bedeutend, ungewöhnlich und barock in ein bewundertes Abseits gedrängt. Nun kann – ebenso natürlich – keinerlei Kritik erzwingen, daß ein Buch in eine aktuelle literarische Situation als lebendiger Faktor aufgenommen wird. Und auch wenn sie seine grundlegende Bedeutung mehr und das Außenseiterische weniger unterstrichen hätte, wäre es naiv gewesen, anzunehmen, daß ein breiteres Publikum zu einem so schwierigen Text einen einigermaßen raschen Zugang hätte finden können.

Nur war doch wohl zu erwarten, daß unsere dünnen Schichten, die man als intellektuell bezeichnen müßte, sich bereit gezeigt hätten, ein solches Werk direkt zur Kenntnis zu nehmen, das heißt, es nicht nur – teils ungelesen, teils im Querschnitt gelesen (man hat ja so wenig Zeit!) – einzuordnen und abzulegen, sondern es in die praktischen Auseinandersetzungen mit einzubeziehen (sofern es das überhaupt gibt bei uns: geistige Auseinandersetzungen) und die Erkenntnisse, die da zu gewinnen wären, an den eigenen Erfahrungen zu messen, diese danach eventuell in einigem revidierend... Es ist nicht geschehen. Jedenfalls nicht in dem Maße, das vorauszusetzen war. Und obwohl eine mondäne Ehrung wie der Internationale Verlegerpreis dazu beitrug, dem Namen Gadda selbst hierzulande einen flüchtigen publicity-Glanz zu verleihen.

Dabei waren die Gegebenheiten auch sor.st denkbar günstig. Die Übersetzung der "Gräßlichen Bescherung" durch Toni Kienlechner wurde nicht zu einer bloßen Übertragung ins Deutsche, sondern zur im wesentlichen bewundernswert gelungenen Rekonstruktion des Buches in unserer Sprache. Wir haben es also mit dem erstaunlichen Glücksfall zu tun, daß ein Werk, dessen einziges Lebenselement die Sprache ist – das entsprechend unübersetzbar schien – bei seiner Sprachverpflanzung den eigentlichen Charakter, die wichtigsten Qualitäten, Stärke und Unmittelbarkeit und Beschwörungsvermögen, bewahrt hat. Auch an seiner deutschen Fassung ist voll abzulesen, wie dieses Resultat einer Schriftstellerexistenz unsere so verbreitete Vorstellung von einer Sprachverarmung in heutiger Zeit weitgehend als fiktiv entlarvt; kein Mangel in Substanz und Potenz im Medium, sondern allenfalls in dem, der sich durch dieses Medium ausdrücken will.