Die Gaudiburschen

Von Jürgen Zimmer

Die Bergzacken schräg oben sind nur schwach auszumachen. Den Mond hat eine Steilwand geschluckt: Später Abend auf einer Alpenvereinshütte. Im Schlafraum ist es finster; ein kalter Geruch nach Socken, Strohsäcken und Holz zwischen den Wänden. Zwei Dutzend Gleichgesinnter liegen in Decken gewickelt.

Gegen halb elf fliegt die Tür auf, in den Lichtschein torkelt ein Nachzügler, stößt einen Schemel um, sucht nach der Taschenlampe, flucht. Aber die anderen wachen auf und halten mit: "Gib a Ruah, Depp, blöder!" Nicht viel später knarrt wieder die Tür, diesmal kommen zwei und reden laut, als wären sie allein. Einem der beiden wird schlecht; die auf dem Matratzenlager protestieren: "Di haun ma zum Fenster naus, damischer Hirsch...!" Wer glaubt, ihnen ginge es nur um ungestörtes Einschlafen, irrt. Hier herrschen simple Spielregeln: Wer auf sein Nachtlager gekrochen ist, schimpft auf die, die nach ihm kommen. Wer später schlafen geht, ahnt seinen Empfang und reagiert männlich, also laut. Liegt er dann selber, hadert er wie die anderen mit seinen Nachfolgern.

Die Hütte hat man zwischen die Geröllhalden dreier steil aufschießender Felsen gesetzt. Sie liegt hoch genug, um die orthodoxen Kletterer mit Seil und Biwaksack anzulocken, aber auch hinreichend tief, um als Marschziel der mit den Ferienzügen im Tal eintreffenden Wanderfreunde zu gelten. Sie ist bewirtschaftet, der Hüttenwirt regiert patriarchal und zurückhaltend.

An diesem Tag ist die Belegschaft bunt gewürfelt. Gegen fünf versammeln sich im Tagesraum einige zwanzig Bayern und Österreicher. Die Statisten – das sind die, die keinen geeigneten Dialekt sprechen oder ausschließlich der Berge wegen gekommen sind – zählen nicht. Rucksäcke werden hereingeschleppt, die Anoraks aufgehängt, dann die Rucksäcke entleert. Auf den Holztischen stapeln sich Landjäger und Butterdosen, Papier, hartgekochte Eier, Teebeutel, Tabak, Papier, Speck, Käse und Brot. In den nächsten beiden Stunden ist man damit beschäftigt, eine Hierarchie untereinander auszuhandeln, die der auf einem Hennenhof ähnelt: Der Tisch ist führend, der über die anderen zu Gericht sitzen kann. An ihm haben sich die routinierten Kletterer versammelt; mit krähenfüßiger Mimik erzielen sie bei geringem Wortschatz maximale Kraftausdrücke. Wenn sie schweigen, essen sie, einstweilen den Tourenbericht eines Nachbarn vom anderen Tisch auffangend, nennen ihn dann einen Trottel und planen gleichsam als eigenen Ausgleich eine Fünfplus-Partie für die nächste Tagesdämmerung.

Das Mittelfeld der Hierarchie teilen sich die Tourengänger, wobei sich die in Bundhosen und roten Kniestrümpfen jenen in kurzen Hosen überlegen wähnen. Wer in langen Hosen und Bügelfalten erschiene, hätte verspielt. Nahe der Tür sitzt ein Ehepaar aus dem Sauerland. Sie – jugendbewegt und füllig geworden – trägt mit weicher Herzlichkeit ihr Dirndl und Söckchen in den Haferlschuhen. Er bemüht sich hin und wieder um ein Gespräch mit den Nachbarn, siezt sie aber und hat weitaushängende Knickerbocker an. So gilt er als unbedeutend, wird aber geduldet.

Wer zur Gruppe gehört, wer anerkannt wird, kann es bald daran merken, daß er die Außenseiter mit zu Außenseitern erklärt: Zu ihnen zählen auf dieser und auf allen Hütten die Liebespärchen, die sich ihrer Zärtlichkeiten nicht scheuen. Dann Großstädter aus dem Norden, die es versäumt haben, sich in Sprache und Kleidung zu tarnen. "Preußen", zumal hagere Frauen in den Dreißigern mit Brille: Mit dem Gelächter über sie steigt das Selbstgefühl der Spötter. Nicht geheuer hingegen sind ihnen erotisch wirkende Mädchen, sie werden mißtrauisch beäugt, denn sie bringen Dimensionen in die Hütten, die diese Bergbegeisterten irritiert. Verhaßt sind Intellektuelle in kühler Eigenbrötelei; wer von ihnen auf die Idee verfällt, ein Buch zu lesen, provoziert den Lärm der anderen.

Die Gaudiburschen

Diese Gesellschaft setzt viel daran, dem männlichen Selbstbild zu genügen. Skatkarten werden nicht ausgespielt, sondern auf den Tisch geknallt, Bierflaschen wie Klingen gekreuzt, die gegenseitige Sympathie beim Trinken brüllt man über die Bänke. Mitunter kann nur der Psychologe die Szene deuten: Unvermittelt werden Felstürme zu Vaterfiguren, die es zu bezwingen gilt, ein umständliches Unternehmen und ein Sisyphosversuch dazu. Sie alle halten von den Bürohäusern nicht viel, die Probleme der Massengesellschaft sind ihnen fremd. Maschinen, Demokratie, Verwaltung, Mobilität und Intellekt: alles das ist nicht ihre Sache. Da halten sie mit, so gut es geht, fühlen sich aber erst in den Bergen wohl, bei den Brüdern auf den Hütten, mit Holztischen, Hängelampen und Skiwasser.

An diesem Abend steuern sie gegen halb neun ihrem Höhepunkt zu, der zugleich zum Ende einer Entwicklung wird, die von Viertelstunde zu Viertelstunde weiter zurückführt in archaische Formen. Und von nun an wird klar: Wer von ihnen die Welt zu bewältigen sucht, indem er in eine Wand steigt, wer auf eine Hütte steigt, um sich sicher zu wähnen, kann der Realität seiner Gesellschaft nur ohnmächtige Emotionen entgegenhalten. Die Hütten in den Bergen werden zur regressiven Trutzburg einiger ihrer Besucher, die ihre Probleme nicht durch Intellekt, sondern durch Muskelaktionen zu bannen trachten. Die Hütten sind vielfach Konserven einer deutschen Reaktion, viele Hüttenbesucher die Museumswächter ihrer selbst. Das, was nun folgt, ist von einer Eigenart, die durchaus nicht besser wird, wenn man sie unter die psychoanalytische Lupe nimmt.

Das Startzeichen gibt an diesem Abend, den ich erlebte, eine Jugendbewegte mit ihrer Gitarre, die sie in den Raum trägt. Ein Kölner ruft "helau" und "humba, humba", kommt aber noch nicht an damit, sein "täterätä" verschluckt er. Fast herrscht eine feierliche Verblüffung. Jedermann scheint zu ahnen, daß diese Gitarre ein Schlüssel zu Freuden ist, um deretwillen man gern Rucksäcke über steinige Aufstiege schleppt. Zurufe von den Tischen: "Da hockst di her, Maderl!" Sie aber, handgeschriebene Notenheftchen aus dem Anorak angelnd, wird neben einen Vierziger gedrückt, der hemdsärmelig und mit glühender Halbglatze das Kommando übernimmt. Noch versucht sie, zaghaft zupfend, zu stimmen, aber es ist zu spät: Der Nebentisch hat angefangen, und über anderthalb Stunden bricht der Gesang in Wellen über die Bänke herein. Liedfetzen überlagern sich, was noch unisono begann, hält sich nicht lange daran. Was tut’s, daß die Gitarristin über die erste Stimme nicht hinauskommt, daß die Tempi differieren, wen stört auch, daß die kaum mehr hörbare instrumentale Melodie mitunter ein, zwei Tonarten an den Sängern vorbeizieht.

Aus dem Wirrwarr von Rauch, Gesang und Hitze tauchen Bilder auf, vergangene Lagerfeuer, Fahnenappelle... ein Lied, zwo, drei: "Im Frühtau zu Berge wir ziehn, fallera", und "geht vorbei und schaut nicht rein", und beim "Wagen, der rollt" riskiert ein Tisch die zweite Stimme; sie schwillt an, und die Frauen in der Oberstimme halten den Chor über Takte hinweg zusammen, immer nur einen Refrain lang. Die Halbglatze neben der Gitarristin ist mit schimmernden Augen zum Stimmvorarbeiter geworden, kollert hinein mit weit offenem Mund ins "heidi, heido, heida hahahaha", erreicht einen ersten Gipfel. An den Tischen bewegt es sich, da schlägt man sich auf die Schenkel, Nachbarn stoßen sich in die Seite, da schwingt sich eine österreichische Untergruppe auf und führt die Gesellschaft hinein in eine Laune, deren Symptome unschwer erkennen lassen, aus welcher freudianischen Entwicklungsphase sie gespeist wird. Im Dreivierteltakt fangen sie an zu schunkeln: "Der schön-ste See ist der Kuh-scheissee" und "der schön-ste Marsch ist der Milecktsamarsch" und "der schön-ste Kuß ist der Lo-hocus..." Mit einem Male ist die Fassade eingefallen, auch die Gemeinschaft ist zur Farce geworden. Wer jetzt noch nüchtern beobachten kann, sieht die Sänger, wie sie einen fiktiven Punkt in den Rauchschwaden anstarren, danach zu schnappen scheinen, sich nicht mehr um links oder rechts scheren, den Nebentisch einen eigenen Gesang singen lassen. Das sind kollektive Brüllmonologe geworden, und jeder treibt allein mit sich in eine Welt zurück, die ihm geläufig ist. Nebensänger und Klampfe sind nichts als Instrumente, mit deren Hilfe die eigene Restauration gelingt.

Nun ist auch der Rheinländer wieder da, das Schunkeln ist seine Sache, und mitten zwischen den Bergzacken erfahren wir noch einmal, daß es am Rhein so schön ist, jenes verlorene "täterätä" findet sich wieder. Die Gesellschaft schwenkt um zu kriegerischen Akzenten, Madagaskar wird beschworen und die Pest – knallhart klingt das –, die schwarzbraune Haselnuß kommt wieder, und zweistimmig zieht das Edelweiß ein. Die Füße auf den Holzplanken stampfen, zwei Fäuste schlagen den Tisch, kein Tamtam kann hier noch konkurrieren.

Und als die ersten heiser geworden sind, singen die anderen, nun schmaler im Stimmumfang, noch einmal ihr Bekenntnis: "Ich bin fidel, mi leckts am Oarsch, auf daß der Teifi hol, mei arme Seel." Die Gläser bleiben auf den Tischen, ein paar Eierschalen in den Aschenbechern, Rauchschwaden ziehen mit über die Gänge. Ein Wasserfall in der Nähe strudelt wieder über die Steine; draußen ist es finster. Oben im Schlafraum liegen zwei Dutzend Gleichgesinnte in Decken gewickelt: Untereinander haben sie sich bewiesen, daß sie und was sie für Männer sind.