Diese Gesellschaft setzt viel daran, dem männlichen Selbstbild zu genügen. Skatkarten werden nicht ausgespielt, sondern auf den Tisch geknallt, Bierflaschen wie Klingen gekreuzt, die gegenseitige Sympathie beim Trinken brüllt man über die Bänke. Mitunter kann nur der Psychologe die Szene deuten: Unvermittelt werden Felstürme zu Vaterfiguren, die es zu bezwingen gilt, ein umständliches Unternehmen und ein Sisyphosversuch dazu. Sie alle halten von den Bürohäusern nicht viel, die Probleme der Massengesellschaft sind ihnen fremd. Maschinen, Demokratie, Verwaltung, Mobilität und Intellekt: alles das ist nicht ihre Sache. Da halten sie mit, so gut es geht, fühlen sich aber erst in den Bergen wohl, bei den Brüdern auf den Hütten, mit Holztischen, Hängelampen und Skiwasser.

An diesem Abend steuern sie gegen halb neun ihrem Höhepunkt zu, der zugleich zum Ende einer Entwicklung wird, die von Viertelstunde zu Viertelstunde weiter zurückführt in archaische Formen. Und von nun an wird klar: Wer von ihnen die Welt zu bewältigen sucht, indem er in eine Wand steigt, wer auf eine Hütte steigt, um sich sicher zu wähnen, kann der Realität seiner Gesellschaft nur ohnmächtige Emotionen entgegenhalten. Die Hütten in den Bergen werden zur regressiven Trutzburg einiger ihrer Besucher, die ihre Probleme nicht durch Intellekt, sondern durch Muskelaktionen zu bannen trachten. Die Hütten sind vielfach Konserven einer deutschen Reaktion, viele Hüttenbesucher die Museumswächter ihrer selbst. Das, was nun folgt, ist von einer Eigenart, die durchaus nicht besser wird, wenn man sie unter die psychoanalytische Lupe nimmt.

Das Startzeichen gibt an diesem Abend, den ich erlebte, eine Jugendbewegte mit ihrer Gitarre, die sie in den Raum trägt. Ein Kölner ruft "helau" und "humba, humba", kommt aber noch nicht an damit, sein "täterätä" verschluckt er. Fast herrscht eine feierliche Verblüffung. Jedermann scheint zu ahnen, daß diese Gitarre ein Schlüssel zu Freuden ist, um deretwillen man gern Rucksäcke über steinige Aufstiege schleppt. Zurufe von den Tischen: "Da hockst di her, Maderl!" Sie aber, handgeschriebene Notenheftchen aus dem Anorak angelnd, wird neben einen Vierziger gedrückt, der hemdsärmelig und mit glühender Halbglatze das Kommando übernimmt. Noch versucht sie, zaghaft zupfend, zu stimmen, aber es ist zu spät: Der Nebentisch hat angefangen, und über anderthalb Stunden bricht der Gesang in Wellen über die Bänke herein. Liedfetzen überlagern sich, was noch unisono begann, hält sich nicht lange daran. Was tut’s, daß die Gitarristin über die erste Stimme nicht hinauskommt, daß die Tempi differieren, wen stört auch, daß die kaum mehr hörbare instrumentale Melodie mitunter ein, zwei Tonarten an den Sängern vorbeizieht.

Aus dem Wirrwarr von Rauch, Gesang und Hitze tauchen Bilder auf, vergangene Lagerfeuer, Fahnenappelle... ein Lied, zwo, drei: "Im Frühtau zu Berge wir ziehn, fallera", und "geht vorbei und schaut nicht rein", und beim "Wagen, der rollt" riskiert ein Tisch die zweite Stimme; sie schwillt an, und die Frauen in der Oberstimme halten den Chor über Takte hinweg zusammen, immer nur einen Refrain lang. Die Halbglatze neben der Gitarristin ist mit schimmernden Augen zum Stimmvorarbeiter geworden, kollert hinein mit weit offenem Mund ins "heidi, heido, heida hahahaha", erreicht einen ersten Gipfel. An den Tischen bewegt es sich, da schlägt man sich auf die Schenkel, Nachbarn stoßen sich in die Seite, da schwingt sich eine österreichische Untergruppe auf und führt die Gesellschaft hinein in eine Laune, deren Symptome unschwer erkennen lassen, aus welcher freudianischen Entwicklungsphase sie gespeist wird. Im Dreivierteltakt fangen sie an zu schunkeln: "Der schön-ste See ist der Kuh-scheissee" und "der schön-ste Marsch ist der Milecktsamarsch" und "der schön-ste Kuß ist der Lo-hocus..." Mit einem Male ist die Fassade eingefallen, auch die Gemeinschaft ist zur Farce geworden. Wer jetzt noch nüchtern beobachten kann, sieht die Sänger, wie sie einen fiktiven Punkt in den Rauchschwaden anstarren, danach zu schnappen scheinen, sich nicht mehr um links oder rechts scheren, den Nebentisch einen eigenen Gesang singen lassen. Das sind kollektive Brüllmonologe geworden, und jeder treibt allein mit sich in eine Welt zurück, die ihm geläufig ist. Nebensänger und Klampfe sind nichts als Instrumente, mit deren Hilfe die eigene Restauration gelingt.

Nun ist auch der Rheinländer wieder da, das Schunkeln ist seine Sache, und mitten zwischen den Bergzacken erfahren wir noch einmal, daß es am Rhein so schön ist, jenes verlorene "täterätä" findet sich wieder. Die Gesellschaft schwenkt um zu kriegerischen Akzenten, Madagaskar wird beschworen und die Pest – knallhart klingt das –, die schwarzbraune Haselnuß kommt wieder, und zweistimmig zieht das Edelweiß ein. Die Füße auf den Holzplanken stampfen, zwei Fäuste schlagen den Tisch, kein Tamtam kann hier noch konkurrieren.

Und als die ersten heiser geworden sind, singen die anderen, nun schmaler im Stimmumfang, noch einmal ihr Bekenntnis: "Ich bin fidel, mi leckts am Oarsch, auf daß der Teifi hol, mei arme Seel." Die Gläser bleiben auf den Tischen, ein paar Eierschalen in den Aschenbechern, Rauchschwaden ziehen mit über die Gänge. Ein Wasserfall in der Nähe strudelt wieder über die Steine; draußen ist es finster. Oben im Schlafraum liegen zwei Dutzend Gleichgesinnte in Decken gewickelt: Untereinander haben sie sich bewiesen, daß sie und was sie für Männer sind.