Der deutsche Aktienmarkt hat seine schönsten Hoffnungen des Jahres 1964 zu Grabe getragen. Dieses Kursgrab tat sich überraschend Anfang November auf und verschlang innerhalb der ersten zehn Novembertage die lebhafteste der Börsen-Phantasien. Die Begeisterung über die Erdgaswerte und die Belebung der Montanaktien in der bisherigen Form ist tot. Auch die Ende der letzten Woche einsetzende Kursberuhigung und zum Teil lebhafte Erholung änderte nichts an diesem entscheidenden Wandel der Stimmung an der Börse.

Mit der Erklärung der Dortmund-Hörder-Hüttenunion fing es an: In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 1963/64 habe die Gesellschaft mit Verlust gearbeitet. Zwar hatte kaum ein Aktionär nach dem Verlustjahr 1962/63 für das laufende Geschäftsjahr mit einer Dividende gerechnet, jedoch hatte man angesichts der sprunghaften Steigerung der Stahlproduktion, der wesentlichen Besserung am Grobblechmarkt und der Inbetriebnahme des modernen Stahlwerkes der Gesellschaft zumindest ein ausgeglichenes Ergebnis erwartet.

Die Enttäuschung der Hörder-Aktionäre breitete sich auf den gesamten Montanaktienmarkt aus und ließ die Stahl- und Kohlewerte in anderem – noch nüchternem Licht als bisher erscheinen. Meldungen über Produktions- und Umsatzsteigerungen der Stahlkonzerne werden in nächster Zeit kaum noch die Herzen der Aktionäre höher schlagen lassen, wenn nicht gleichzeitig auch über höhere Gewinne berichtet wird.

Zwar notieren Dortmund-Hörder und die wichtigsten Montanwerte wie Hüttenwerk Oberhausen, Hoesch, Klöckner und August-Thyssen-Hütte sowie die gemischten Konzerne Mannesmann und Rheinstahl noch 15 bis 20 Prozent über ihren Jahrestiefstkursen, aber die Werte sind wieder einmal aus den Plänen der Anleger gestrichen worden. Die hohe Rendite dieser Papiere von fünf bis sechs Prozent hat einen Teil ihres Glanzes verloren, da sie nicht von einer entsprechend größeren Ertragskraft auf längere Sicht gewährleistet erscheint.

Die Lohnverhandlungen im Steinkohlenbergbau und die Stillegungsanträge vieler Zechen bilden den grauen Hintergrund dieser Endphase einer vergeblichen Börsenhoffnung. Allerdings würde für viele Bergwerke – zum Beispiel Langenbrahm – eine Zechenstillegung und anschließende Liquidierung des bedeutenden Grundbesitzes einen sehr wahrscheinlich beachtlich über dem heutigen Börsenkurs liegenden Erlös erbringen.

Den entscheidenden Stoß versetzte die Erklärung der Deutschen Erdöl dem Aktienmarkt: Die Gesellschaft werde die Dividende senken müssen, da der Preisverfall am Heizölmarkt im zweiten Halbjahr 1964 die Erträge des Unternehmens entscheidend getroffen habe. Die Börse rechnet mit einer Senkung von bisher zehn auf acht Prozent. Das ist an und für sich kein Grund, DEA-Aktien um jeden Preis schnell zu verkaufen, wie es zeitweise bei Kursen bis zu 190 gegenüber 235 am vorhergegangenen Tage geschah.

Die Aufregung des Aktienmarktes wird jedoch verständlich, wenn man sich einige grundsätzliche Überlegungen der Anleger der letzten Wochen vor Augen führt. Allen negativen Meldungen aus der Politik und dem scharfen Geldmangel zum Trotz hatten Aktionäre und Berater an ihrer grundsätzlich positiven Einstellung zur Weiterentwicklung im Vertrauen auf die gute Wirtschaftslage festgehalten. Nun erklärte ausgerechnet einer der Favoriten des Jahres, der noch im Sommer (nicht ohne die günstige Stimmung der Börse fördernd zu nützen) das Kapital erhöhte, es ginge ihm schlecht.