Von Theodor Eschenburg

An der letzten CDU-Krise war Franz Josef Strauß nicht unmittelbar beteiligt. Sie wurde durch das Adenauer- Interview in "Bild am Sonntag" ausgelöst und durch das Eugen Gerstenmaiers in der "Bild-Zeitung" sowie die Antwort Schröders in der "Mainzer Allgemeinen Zeitung" noch verschärft. Das zeigt, daß die latenten Spannungen in der Kanzlerfraktion, nicht allein auf die Umtriebe des CSU-Vorsitzenden zurückzuführen sind, so wenig deren Wirkung unterschätzt werden darf. Kein Zweifel: Die CDU ist gegenwärtig für Krisen sehr anfällig, auch ohne die Nachhilfe von Strauß.

Nicht der einzige, aber ein wesentlicher Grund für den immer wieder auflebenden Streit in der Regierungskoalition und vor allem in der Kanzlerfraktion, ist die außenpolitische Alternative, vor die die Bundesrepublik gestellt ist. Daß Adenauer der deutschen Außenpolitik ein gewisses Maß an Entscheidungsfreiheit verschafft hat, ist sein Verdienst. Die Konsequenz dieses Erfolges ist jedoch die innerpolitische, mehr noch die innerparteiliche Auseinandersetzung darüber, wie innerhalb dieses Spielraums operiert werden soll. Der Anstoß zur jüngsten Krise kam von außen. Aber er traf auf eine Partei, die seit Adenauers Ausscheiden aus der Regierung krisenanfällig geworden war.

Alle Parteien haben seit 1949 mehr oder minder schwere Krisen durchmachen müssen – Anpassungskrisen. Manche sind ihnen erlegen, nur die CDU war bisher davon verschont geblieben. An sich wären innerparteiliche Krisen der CDU schon in den ersten Jahren der Bundesrepublik fällig gewesen, wäre Adenauer nicht Kanzler geworden und geblieben. Die einheitsbedrohende Schwäche dieser großen, heterogenen Partei, der feste innere Bindungen fehlten, nutzte Adenauer virtuos, um sie zu formen und in Form zu halten. Er wies ihr den Weg, und sie war auf ihn angewiesen.

Die innere Krise der CDU, die auf Adenauers Kanzlerrücktritt folgen mußte, ist schon lange, vor allen von Rüdiger Altmann, in seinem 1960 erschienenen Buch "Das Erbe Adenauers" vorausgesagt worden.

"Das Erbe Adenauers ist alles, was durch sein Ausscheiden in Frage gestellt ist insofern also die Kanzlerdemokratie, die auswärtige Politik, insofern auch der Status quo und der Parteienparlamentarismus". Altmann hätte noch hinzufügen können: die CDU. Damals vermochte er noch nicht zu übersehen, daß die außenpolitische Konstellation selbst einen Adenauer in eine sehr schwierige Situation, sogar innerhalb seiner Parte, hätte bringen können. Andererseits hat Altmann vorausgesehen, daß "eine Teilung der Kinzlerdemokratie in Partei, Fraktion und Kibinett nicht möglich wäre, ohne sie zu zerstören". Auch hier hätte Altmann hinzusetzen kennen, daß die Zerstörung der Kanzlerdemokratie nicht eine isolierte Erscheinung bleiben kennte, sondern einschneidende Rückwirkungen auf Kanzlerpartei und -fraktion haben würde.

Wie unsicher die Partei geworden ist, zeigen nicht nur die relativ schnell aufeinander folgenden Krisenstöße, es wird ebenso sehr daran deutlich, daß fast jede Entscheidung nur unter dem einzigen Gesichtspunkt der Wahlwerbung aufgegriffen, verworfen, oder vertagt wird. Sie ist geradezu zur Manie geworden. Gewiß bestand die Tendenz schon zu Adenauers Zeiten, aber heute tritt sie viel stärker, anhaltender und breiter in Erscheinung, gleichgültig, ob es sich um