Nur wenige Westberliner haben von . dem "großzügigen Angebot" Ostberlins Gebrauch gemacht und wenigstens drei Westmark in drei Mark der Deutschen Notenbank zum Kurs eins zu eins an den Schaltern hinter der Passierscheinkontrolle umgetauscht. Das war nun tatsächlich für Pankows Währungshüter, die geglaubt hatten, ihr Westmarkportefeuille auffüllen zu können, enttäuschend. Sie kamen auf die sicherlich nicht ganz unrichtige Vermutung, daß einige Westberliner ihr devisenschweres Westgeld bereits an Bankschaltern des westlichen Teils der geteilten Stadt in Ostmark umgetauscht hatten, allerdings zu einem günstigeren Kurs.

Etwa 30 bis 35 Westmark brauchte man in der letzten Zeit nur für 100 Ostmark anzulegen; Anfang Oktober schwankte der Kurs zwischen 38 und 40 Westmark. Da war gewiß schon die Spekulation auf die Besuche der Westberliner im östlichen Teil der Stadt drin. Aber die Umsätze sind nicht sehr groß. Vor allem spricht man nicht gern darüber. Dabei könnte man es ruhig ganz offen tun. Denn woher kommt wohl das Ostgeld nach Westberlin?

Seidem durch die Mauer in Ost-West-Richtung nur solche Personen schlüpfen können, denen von ihren Behörden ein "gefahrloser Besuch" am Kurfürstendamm erlaubt wird oder die über Westberliner Flughäfen in andere Länder reisen dürfen – und das sind sehr wenige –, kommt hauptsächlich nur über einen Weg Ostgeld nach Westberlin: über die rund 4000 Angestellten der ostdeutschen. Reichsbahn, die ihren Wohnsitz im Westen der Stadt haben. Seit der Spaltung der Stadt beziehen sie für ihre Betätigung bei ihrem Ostberliner Arbeitgeber auch einen gespaltenen Lohn. 60 Prozent ihres Entgeltes werden ihnen in West, die restlichen 40 Prozent aber in Ost ausgezahlt. Mit dem Ostgeld können sie zur Lohnausgleichskasse in Westberlin gehen und es dort eins zu eins in Westmark umtauschen.

Bis zum Bau der Mauer arbeiteten außerdem etwa 6000 weitere Westberliner im Ostsektor, aber von dort und aus den Randgebieten kamen 60 000 Einpendler nach Westberlin, die hier nur 40 Prozent in Westgeld und 60 Prozent in Ostgeld ausgezahlt bekamen. Aus der damaligen Relation konnte die Lohnausgleichskasse eine kleine Westmarkreserve anlegen, mit der nun die Ostmarkbeträge der Eisenbahner eingelöst werden. Wcrauf sie sitzenbleibt, das sind die Ostmarksumme.i, die sie nun zwangsläufig am freien Markt unterbringen muß. Wer will schon, ja wer braucht schon Ostmark? So ergibt sich hier ein Kurs, der von Angebot und Nachfrage bestimmt wird, allerdings bei nur schwacher Nachfrage zu bestimmten Terminen, zum Beispiel Besuchen in Ostberlin, bei aber ständigem Angebot.

Aus dem Umtausch für die Eisenbahner und aus anderen Quellen kommen schätzungsweise jährlich 12 bis 15 Millionen Ostmark nach Westberlin. Was soll man damit machen? Dieses Ostgeld ist außerhalb des Gebietes, in dem es Zahlungsmittel ist, keinen roten Heller wert. Es ist daher mit kaum einer Währung dieser Welt vergleichbar. Zwangläufig kehrt es so wieder in die Zone zurück, wieder auf Wegen, die nach den Pankower Gesetzen nicht statthaft sind. Offiziell darf es ja auch nicht herausgelangen. Solange den in Westberlin lebenden Beschäftigten von ihren Arbeitgebern in der Zone oder im Ostsektor Berlins der Lohn nicht voll in der Währung gezahlt wird, die in ihrem Wohngebiet gilt, solange wird es einen Ostmarkhandel geben. Von Pankow wird hier ein Bumerang produziert, ohne daß man offensichtlich von den Eigenarten dieses Instruments eine Vorstellung hat.

Daß den Währungshütern der "Marx-Mark" der Ostmarkhandel nicht gefällt, kann man ja verstehen. Proteste gegen die "Währungsspekulation in Westberlin" sind aber sinnlos. Warum, so muß man fragen, tauschen sie die "offiziell ungesetzlich" in den Westen gelangte Ostmark nicht offiziell eins zu eins gegen Westmark zurück? Das hat man wohl vergessen in der Eile.

W. P.