Im Totenmonat, wenn auf den nebligen Gräbern die Lichter verblaken, hat das Volk zu bestimmten Stunde an jene zu denken, die man mit verlogenem Euphemismus als unsere gefallenen Söhne bezeichnet. Von Dankbarkeit und Trauer ist die Rede, der Toten Tatenruhm flammt auf, und der Krieg erscheint als homerischer Schlachtgott, der die Niedergesunkenen mit freundlichem Zuspruch zum Himmel entführt. Thanatos hat die Fackel gesenkt; Staatsmänner geleiten riesige Kränze zum Grabmal des unbekannten Soldaten; Politiker halten die Hände in säkularer Betstellung vor dem Geschlechtsteil gekreuzt. Brahms’ Requiem erklingt, der Pappritz-Schlitz ist schwarz, die stieren Blicke künden von Ergriffenheit. Schatzkästlein-Stimmung breitet sich aus; der Pfarrer leugnet das dulce und preist das decorum in einer gottfernen Zeit, im Vorbeigehen wird Römer 13 zitiert.

Eine Karikatur, ganz gewiß: aber eine Karikatur doch nur, weil die typischen Elemente des Volkstrauertags selten in so grotesker Häufung erscheinen – die Atmosphäre aber stimmt. Geigen und archaisches Deutsch laden zur Andacht und schaffen ein Air, dem die Wortverbindung Thron und Altar noch immer näher als die Vorstellung Kinder in Auschwitz, jämmerliche Angst und tierisches Verrecken ist.

Unter solchen Aspekten kam Christian Geisslers filmische Fastenpredigt zum Volkstrauertag genau im richtigen Moment. Statt des leeren Begriffs vom unbekannten Soldaten, statt der vagen Millionenzahl wurden Namen von Toten zitiert, die anonyme Trauergemeinde gewann in einzelnen Gesichtern Kontur, gefallene Söhne verwandelten sich in blutige Bündel, eisverharschte Extremitäten und verstümmelte Leiber. Die Schulorgel schwieg, man hörte die Zahlen und sah die Gebärden leibhaftiger Menschen. Das Flämmlein Arc de Triomphe und die wilhelminische Fackel erloschen. Hans Petersen und Erwin Baumann rückten ins Bild, der Huber Aloys mit dem Kindergesicht und der Ackerknecht Emil, dessen Photo auf einem Vertiko steht.

Wenige Minuten genügten, um eine neue und würdigere Einstellung zu den Kriegstoten akzeptabel zu machen: Versammlung an einem einzigen Grab – er war ein Portier; er hatte drei Kinder, und seine Briefe sprechen von schrecklicher Angst. Man hat nur ihre Puppe gefunden, sonst nichts. Die Ärzte haben noch versucht, ihm das Bein abzunehmen, aber als sie ihm die Narkose geben wollten, war er schon tot.

Dem Autor sei Dank: die Betrachtung persönlicher Schicksale entlarvte den Krieg als gemacht und vermeidbar. Im Gegensatz zu Ernst Jünger, der einst von jener Häufung des Strittigen sprach, die nur das Feuer aufarbeiten (!) könne, demonstrierte die Geisslersche Sendung, daß das Sich-Versenken ins Individuelle dem Großen Mord schnell den Glanz eines Naturereignisses nimmt.

Humanität und Vernunft statt anachronistischer Phrasen: wir haben lange auf diese Volkstrauertags-Predigt gewartet. Momos