Zwei Bücher gegen die Trägheit der Seelen

Von Ekkehart Krippendorf

Thomas Ellwein: Politische Verhaltenslehre. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 229 Seiten, Paperback, 9,80 DM.

Ullrich Sonnemann: Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland. Rowohlt Verlag, Reinbek; 124 Seiten, kartoniert, 2,40 DM.

Was mich – wenn man mir eine persönliche Vorbemerkung gestattet – am angelsächsischen politischen und im weitern Sinne sozialen "Klima" am stärksten beeindruckt, ist der Umfang und die Lebendigkeit des öffentlichen Lebens: das hohe Niveau der Publizistik, die Qualität und Schärfe journalistischer Kritik, vor allem aber die Beteiligung und das Engagement von Individuen und Gruppen am politischen Leben im allgemeinen und ihre spontane Aktivität bei Streitfragen im besonderen. England wäre nicht England und Labour nicht Labour ohne, sagen wir, die Ostermärsche, und die Vereinigten Staaten wären nicht die Vereinigten Staaten ohne die spontan und "von unten" organisierten Sitzstreiks im Rassenkampf, ohne die es heute kein Bürgerrechtsgesetz gäbe. Das Wichtige an diesen Erscheinungen ist, daß sie außerhalb, neben und unterhalb parteipolitischer Organisationen entstehen und daß sie sowohl von der Gesellschaft als Ganzem als auch von den Regierenden und Herrschenden toleriert, nicht aber als störender Sand im demokratischen Getriebe betrachtet werden.

Das deutsche Gegenbeispiel: als Berliner Studenten gegen die Wiederwahl Bundespräsident Lübkes zunächst spontan und "unangemeldet" (man denke sich nur!) auf dem Kurfürstendamm demonstrierten, wurden sie sowohl von ihren Mitbürgern beschimpft (so etwas gehört sich nicht – noch dazu gegen den Bundespräsidenten!), als auch dann von der Obrigkeit arretiert zwecks Feststellung der Personalien ...

Ich möchte so weit gehen zu sagen, daß die ganze Crux demokratischen und intellektuellen Lebens im (heutigen) Deutschland darin besteht, daß spontane und organisierte Aktivitäten, politische Demonstrationen von Minderheiten und sogar eine kritische bis "destruktive" Beurteilung des Bestehenden außerhalb der dafür "zuständigen Instanzen" gesellschaftlich nicht akzeptiert sind. Kritik muß "konstruktiv" sein, öffentliche Demonstrationen gehören sich nicht, und politische Aktivität soll sich gefälligst der dafür zuständigen Kanäle, nämlich der Parteien bedienen.