Von Elisabeth Endres

Einem jungen Schriftsteller gelingt ein erster Roman, der Interessantes bietet und verspricht. Doch dann kommt – Prüfstein der Begabung – das zweite Buch. Die Kunst zerrann, die Sympathie für die neue Stimme ist dahin.

Die Gründe für diesen Vorgang liegen auf der Hand. Das Erstlingsbuch lebt von dem Stück Roman, das jeder Mensch als Erinnerung in sich trägt. Die eigenständige Form der Erfahrung, die der Mensch, keineswegs nur der Künstler, ausbildet, wird zur einmaligen Form des Buchs. Wenn dann in einem zweiten Roman der Kunstverstand die jeweilige Eigenart unterstützen müßte, ereignet sich das Fiasko.

Auf den ersten Blick mag es so erscheinen, als richte sich Glück und Mißerfolg von Eckart Kronebergs Romanen nach diesem Schema. Sein Erstlingswerk – der 1960 erschienene "Grenzgänger" – rief Interesse hervor. Das Schicksal eines jungen Mannes aus unseren Tagen, eine Art von Entwicklungsgeschichte zwischen Fronteinsatz und russischer Besatzung, Werkstudententum und Schwarzhandel, war geschickt dargestellt worden. Nun folgt das zweite Buch –

Eckart Kroneberg: "Keine Scherbe für Hiob", Roman; R. Piper & Co Verlag, München; 273 S., 17,80 DM

– und bedroht frühe Illusionen. Wieder geht es um einen Menschen in unseren Zeitläuften. Die Hauptgestalt des Romans ist – künstlerisch gesehen – ein "Stummer". Albert Fuhrmann, halb blödes, zurückgebliebenes Kind, später Clown eines Tingeltangel-Varietes, läßt die Geschichte der letzten fünfzig Jahre über sich hinrollen. Der Junge wächst zwischen den Mördern und Opfern der frühen zwanziger Jahre auf. Er findet eine erste Anstellung in einer Kneipe, deren Wirt und Gäste Kommunisten sind. Eine energische Schaubudenbesitzerin namens Elfriede entführt den Halbwüchsigen aus der belastend mütterlichen Obhut der Wirtin. Er wird zum halb unfreiwilligen Clown des Varietés "Weltstarparade" und zieht mit Elfriede, die bald seine Frau wird, quer durch Deutschland, von Rummelplatz zu Rummelplatz. Das Unternehmen gerät in die Kämpfe zwischen Kommunisten und Nazis; in seiner Kasse spiegelt sich die wechselnde Wirtschaftslage der Weimarer Republik.

Das Nazi-Regime bringt ein bißchen Aufschwung, doch bald bricht das Unheil herein. Fuhrmanns Paß lautet auf einen Zigeunernamen; der Mann wird verhaftet und nach Auschwitz geschleppt. Als sich der rassische Irrtum herausstellt, überführt man ihn nach Buchenwald. Elfriede erleidet ein ähnliches Schicksal. Nach der Befreiung erlangen sie die Hilfe eines alten kommunistischen Freundes. Die Macht dieses ehrlichen Mannes ist freilich von kurzer Dauer. Ohne Hilfe sieht sich Fuhrmann ideologischem Druck ausgesetzt – sein Varieteprogramm soll angepaßt werden. Er flieht mit seiner ganzen Gruppe durch das Brandenburger Tor. (Die Flucht eines ostdeutschen Zirkus regte Kroneberg zu seiner Geschichte an.)