Werner Otto von Hentig: Mein Leben, eine Dienstreise. Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen; 482 Seiten, 19,80 DM

Jüngeren Lesern muß man diesen Mann erst noch vorstellen, dessen Name im Ersten Weltkrieg durch die ganze Welt flog. Er war damals mit wenigen Getreuen durch die afghanische vertrat zum Emir von Afghanistan geritten und vertrat hier, Soldat, Abenteurer, Diplomat, Völkerrechtler, Verwaltungsbeamter, Ratgeber, die Sache des Reiches unter schwierigen Umständen. Er wurde zugleich, wenn auch ohne seinen Willen, ein Werkzeug des Schicksals in dem Prozeß der allmählichen Umgestaltung afghanischer innerer Verhältnisse. Der Ritt beflügelte die Phantasie der Fachleute. erweckte aber auch den Respekt der Fachleute. Seitdem wußten die Persönlichkeit daß Hentig eine ungewöhnliche Persönlichkeit ist.

Mit über siebzig Jahren erzählt er nun die Geschichte seines Lebens. Der Leser findet in dem Buche nicht nur den Bericht über jenen verwegenen Ritt nach Kabul, sondern auch ein buntes Bild über die Tätigkeit des Diplomaten Hentig in einem Dutzend Ländern. Hentig behält die sachliche Sprache bei, die er in seinem Berufe gelernt hat; aber die Farbigkeit der Erlebnisse spürt der Leser auch ohne feuilletonistische Brillanz der Sprache.

Es hat viel Auf und Nieder gegeben in diesem Leben, häusliches Ungemach und noch mehr häusliches Glück, Erfolge im Dienst und schwere Niederlagen; immer wieder Streit mit Vorgesetzten und mit den Mächtigen in fremden Ländern. Ohne Selbstmitleid erzählt der alte Hitlergegner Hentig auch davon, wie ihn die Amerikaner nach 1945 einsperrten. Es war damals eine turbulente Zeit, und die Sieger verstanden wohl nicht recht, wie verworren die Lage für den einzelnen in einem totalitären Staate gewesen war.

Der Bericht endet mit der Erzählung von zwei großen und gescheiterten Hoffnungen, also von neuen Auseinandersetzungen mit Menschen, die mächtiger waren als er. Das erste Mal war es, als er in Djakarta die Bundesrepublik vertrat. Er gab den gewiß lockenden Posten schnell entschlossen auf, als er mit dem Auswärtigen Amt nicht übereinstimmte. Der zweite, vielleicht noch schmerzlichere Fall war, als er, diesmal als Privatmann, den arabischen König Sa-hud beriet, ihm helfen wollte, das Arabia felix zu bauen und als er schließlich begreifen mußte, daß er den Ring nicht sprengen konnte, den die großen Geschäftemacher um den König geschlossen hatten. Wieder verließ er kurz entschlossen einen Dienst, in dem er keine Ehre mehr gewinnen konnte. Seitdem lebt er für sich. Daß er über die politische Entwicklung seine besonderen Ansichten hat, weiß jeder, der ihn kennt, wenn er auch in diesem Buche auf aktuelle Dinge nicht zu sprechen kommt.

Aus diesen kurzen Angaben ist wohl deutlich geworden, daß Hentig kein bequemer Untergebener war. Der stärkste Eindruck, den das Buch hinterläßt, ist denn auch nicht der von wechselvollen Ereignissen, von Kämpfen und Niederlagen, sondern der eines starken und aufrechten Charakters. Hentig versteht gewiß sein Metier, aber wichtiger noch ist, daß er immer Mut und Rückgrat bewiesen hat. "Der Charakter ist mehr als das Wissen" war eine der Grundregeln des preußischen Generalstabs. Hentig hat diese Weisheit bestätigt, aber er hat auch dafür zahlen müssen. Gottfried Grumme