Es gibt eine öffentliche Sprache in Deutschland, die das Zeug hat, für uns zur Fremdsprache zu werden. Sie wird in der DDR gesprochen. Ob sie mehr geschrieben wird als gesprochen, wage ich nicht zu beurteilen. Daß sie streng verwaltet wird, verbirgt sie weder im Vokabular noch in der Syntax.

Ein besonderer Jargon innerhalb dieser Sprache wurde ausgebildet, um der Bevölkerung in der DDR eine unheimlich beschränkte Vorstellung von Westdeutschland zu empfehlen. Die heimischen Tabus werden dort ja vor allem mit westdeutschem Feindfleisch gemästet.

Selbstverständlich hat auch der Westdeutsche einen Staat, der ihn mit einem Vokabular versorgt, das zur Verfügung steht, wenn Äußerungen über die "Zone" fällig werden. Solche Jargons lernen voneinander, steigern einander zu den komischsten Leistungen. Es besteht immerhin die Gefahr, daß unsere Bevölkerungen, die einander immer weniger kennen, das Wortzeug schließlich für Wirklichkeit nehmen.

Rührend ist, daß beide Seiten in ihren Beschimpfungen die Bevölkerung der Gegenseite sorgfältig schonen. Der böse Dialog akkumuliert sich streng exklusiv zwischen Bonn und Pankov. Das östliche Vokabular ist allerdings weniger selbstbewußt als das westliche. Also hektischer. Aggressiver. Es bellt. Und da es schon eine Zeitlang so bellt, ist es längst heiser.

Die für den heimischen sozialistischen Aufbau gemachte Sprache gibt sich freundlicher. Man sieht auch ihr an, daß es eine gemachte Sprache ist. Ihre Verwalter stellen Wörter zur Verfügung für jede öffentliche Regung der Bevölkerung, Die Sprache wird ein System von Kanälen. Gedacht ist an jede Art Wässerlein. Von fruchtbringender Bewässerung bis zum Abwasser, das ja auch irgendwohin muß. Die Wörter stehen zur Verfügung. Wer was denkt, soll nicht auch noch nach dem Wort suchen müssen. Der Staat liefert die Interpretation der "Gesamtwirklichkeit". Die reicht dann von aufgezäumter Wissenschaft bis hinaus in die "Wirkungsbereichsausschüsse", "Dorfakademien" und endet in "Agitationskästen". Hier zeigt sich wieder die deutsche Lust an Wörtern, derer "Wirklichkeit ein Jenseits" bleibt.

Um einem allzu raschen westlichen Lächeln zuvorzukommen, muß daran erinnert werden, daß Illusionismus und Öde der östlichen Parteisprache von einer sehr mächtigen öffentlichen Sprache des Westens in den Schatten gestellt werden: von der Sprache der Werbung. Und wie genau in der Sprache zum Ausdruck kommt, was vergleichbar ist, zeigen zwei Wörter: Werbe-Chinesisch (bei uns), Partei-Chinesisch (drüben). Phantastisch genau sind in diesen beiden Wörtern die großen Brüder, die gewaltigen Souffleure aufgebahrt. Entstehen konnten diese Wörter nur unter Betroffenen.