C. G., Wien, im November

Die Vorgänge um die vom ehemaligen Chefredakteur der christlich-sozialen "Reichspost", Friedrich Funder, nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete, vom Wiener Herold-Verlag herausgegebene "Furche", eine "freie kulturpolitische Wochenschrift", sind zu einem "Fall" geworden, der die Österreicher – wie üblich – entzweit. Bei dieser im besten Sinn des Wortes österreichischsten aller österreichischen Zeitungen bahnt sich eine Entwicklung an, die bei Österreichern Besorgnis, bei Ausländern, vor allem bei Deutschen, Unbehagen hervorrief. Vom 1. Dezember an soll der aus München stammende Dr. Emil Franzel die Herausgeberschaft des Blattes übernehmen. Dieses Engagement wird zwar mit verlegerischen Erwägungen motiviert, doch liegt es auf der Hand, daß jene von ganz rechts als "Links"- oder "Koexistenzkatholiken" bekämpften Funder-Erben Kurt Skalnik und Friedrich Heer die das Blatt seit Jahren geleitet und ihm Profil und Gehalt gegeben haben, "an die Kandare" genommen werden sollen.

Wie der Münchner Emil Franzel die alte Redaktionslinie fortsetzen kann, ist völlig ungewiß. Als Österreich 1955 den Staatsvertrag erhielt und dadurch frei wurde, sah er darin nichts als einen Beweis für die "anscheinend unaufhaltsam fortschreitende Fellachisierung Europas"; er war überzeugt, daß das damit zum "Protektorat" Moskaus gewordene Österreich "seine Geschichte begrub", wogegen Deutschland die Aussicht blieb, "noch manches Kapitel an der seinen zu schreiben" ("Dreimal Österreich und nimmermehr" in "Deutsche Tagespost", 18. Mai 1955). Erst unlängst forderte er im Münchner "Volksbote", auch im Fall einer Niederlage Goldwaters "durchzuhalten", bis "die unausbleiblichen Mißerfolge der Koexistenzpolitik und die im Zeichen der Entspannung wachsende kommunistische Gefahr die Gegenwirkungen" ausgelöst haben würden.

Franzel ist gebürtiger Prager; zuerst Sozialdemokrat, lief er später zu Henlein über; in München, wo er den rechten CSU-Flügel verstärkte, arbeitete er unter anderem als Chefredakteur des "Neuen Abendland", der "Abendländlichen Akademie" und als Leitartikler seiner "Deutschen Abendpost". Der "Deutsche Studenten-Anzeiger" (Hannover) führt ihn neben Peter Kleist ("Deutsche Wochen-Zeitung") und anderen als "Gesprächspartner der älteren Generation". Als Franzels Name im Zusammenhang mit der "Furche" genannt wurde, war er in Österreich weithin unbekannt; dies und die Nachricht, hinter Franzel ständen "Pöcking" (Synonym für Otto von Habsburg) und Franz Josef Strauß hätte eine echt österreichische Reaktion zur Folge: nach dem von einer katholischen. Tageszeitung gegebenen Alarm kam zuerst die Linke der "Furche" zu Hilfe.

Indessen ist jedoch auch, das katholische und, volksparteiliche Lager in Bewegung geraten, und vor allem die Bedenken des erzbischöflichen Palais scheinen nun sogar in der Umgebung der Bundeskanzlers Klaus gehört, wenn nicht gar geteilt zu werden. Zugleich beginnt man zu begreifen, daß "Die Furche" mit ihrem Österreichischen Auftrag steht und fällt, und daß das delikate, nur durch Klarheit störungsfrei zu haltende österreichisch-deutsche Verhältnis gerade durch eine "österreichisch-süddeutsche Gemeinschaft" (es ist viel von der Erschließung des bayrischen Raum; für die Wochenzeitung und gar von einem Münchner "Furche"-Kopfblatt die Rede) nur belastet werden könnte.

Die ganze Entwicklung stimmt mehr zu Wehmut als zu Zorn. Josef Roth, der in seinem Nachruf auf den Österreicher Franz Joseph meinte, von der Hofburg zu Wien führe "ein näherer Weg zum bosnischen Maronibrater und zum galizischen Talmudjuden als zum sudetendeutschen Historiker an der Wiener Universität", hat nicht nur recht behalten. Er ist auch noch immer unverstanden.