Indro Montanelli und Marco Nozza: Garibaldi; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 330 Seiten, 24,80 DM.

Der Reiz dieses Buches rührt vor allem von der verwirrenden, belustigenden und achtunggebietenden Gestalt Garibaldis. Man hatte schon immer geahnt, daß Giuseppe Garibaldi nicht die eherne Denkmalsfigur war, als die eine patriotische Legende seiner Landsleute ihn darstellen wollte. Aber erst jetzt wird sie einem mit ihren vielen Schwächen deutlich. Montanelli und Nozza prüfen sein Leben an Hand der Tatsachen und der Urkunden, die unbarmherzige Wahrheit kommt ans Licht: Garibaldi war ein Phantast; ein ebenso leidenschaftlicher wie unfähiger Redner, der auf der Tribüne wie ein Schwätzer wirkte; ein Mann von stets wechselnden Stimmungen, der heute die beschimpfte, die er gestern noch gepriesen hatte; ein General ohne den kühlen Blick für das Mögliche, der sich immer wieder irrte; ein Mann von beträchtlicher Eitelkeit, der sich der Vereinigung Roms mit Italien nicht zu freuen vermochte, weil er nicht dabei gewesen war; ein Mensch, der ebenso gern sich im Vordergrund der Ereignisse sah wie das Vaterland.

Aber wenn die Verfasser fertig sind mit dem Bilde Garibaldis, das sie für das wirkliche, das sie für das einzige wahre erklären, dann ist er auf einmal liebenswerter denn je: ein großmütiger, tapferer, leidenschaftlicher, idealistischer Patriot, mit dem Herzen eines Kindes, ein Mann, der das Richtige tut, wenn er sich gerade fürchterlich irrt, ein Mann, dem mit Recht die Herzen seiner Landsleute und der halben Welt zufliegen. Auch die beiden Verfasser lieben ihn, viel mehr als Cavour ("der von Italien nichts verstand", wie der kopfschüttelnde Leser zu seiner Überraschung erfährt); aber ihre Zuneigung ist frei, unbefangen und so fern jeder falschen Heldenverehrung, daß man ihnen schon deshalb glaubt.

Ingrid Parigi hat das Buch ausgezeichnet übersetzt; man erhält einen bleibenden Eindruck von der südländischen Lebendigkeit und schriftstellerischen Anmut des Stils der Verfasser. Vor einigen Stellen freilich steht man etwas verwirrt: "In Campidoglio" oder "in Piazza Navona" geschah dieses oder jenes, als seien das Kapitol oder der schöne alte Platz Dörfer bei Rom. Auch hätte Frau Parigi, die sicherlich von Deutschland mehr versteht als die Autoren, wohl einige Irrtümer korrigieren können; beispielsweise hat nicht Preußen 1870 den Krieg erklärt, sondern Frankreich. H. H.