Kentaurische Wörter

Ihre schönsten und ihre häßlichsten Wörter verdankt die deutsche Sprache einer einzigen Möglichkeit: Man kann bei uns mehrere Wörter zu einem neuen Wort zusammenfügen. Ein Wort, das vorher ohne jedes Anzeichen von Hinfälligkeit frei existierte, gerät unversehens in den Bann eines anderen Wortes, eine Anziehungskraft scheint wirksam zu werden, und schon hat die Paarung stattgefunden.

In dem neuen Wort, das jetzt entsteht, geht es selten ganz friedlich zu. Jedes Wort betont seine Geschichte. Es hat Bedeutung gescheffelt. Und je mehr Bedeutung das einzelne Wort nun mitbringt, desto schöner oder häßlicher kann das Ergebnis sein. Falls ein Wort völlig ins Schlepptau eines anderen gerät, kommt es rasch zu fader Versöhnung; so entstehen die Wörter für die Verwaltung, den technischen Gebrauch. Wo aber die Bedeutungen miteinander im Streit liegen, wo sich ein Wort durchsetzen will auf Kosten des anderen, und das andere gibt nicht so rasch nach, da entstehen mächtige Wörter, die keiner ganz zu eindeutiger Ruhe bringen kann.

Andere Sprachen drücken unsere Doppelwörter durch Genitivkonstruktionen aus oder durch ein Adjektiv plus Substantiv. Unsere Doppelwörter zeigen zwar dem Sprachkundigen noch, ob sie entstanden sind etwa aus einem Adjektiv plus Substantiv oder aus einer Genitiv- oder Dativkonstruktion. Aber im Gebrauch verliert sich diese Herkunft. Und das Wort, das bei der Paarung anfangs den Genitiv regierte (wie etwa "Werk" in "Kunstwerk"), gerät gern ins Schlepptau. Ein "Werk", das ist jeweils etwas ganz Konkretes. Nun will man sagen, wohin dieses Werk seiner Art nach gehört: zur Kunst. "Kunst" ist viel weniger konkret als Werk. Sobald das Doppelwort "Kunstwerk" existiert, regiert nicht mehr "Werk" in dieser Konstruktion, nicht mehr das Konkrete, sondern das weniger Konkrete: die Kunst.

Je weniger konkret ein Wort ist, desto herrschsüchtiger ist es. Es überdeckt das Konkrete mit seiner anmaßenden, aber vagen Intention. Ein Werk der Kunst, dabei läßt sich denken, zur Kunst gehört vieles, gehören viele Werke; dieses einzelne Werk ist also eines von diesen vielen. Das Abstraktum "die Kunst" entsteht erst aus vielen Werken, kann man denken, wenn man es mit einem Werk der Kunst zu tun hat. Aber "Kunstwerk", das heißt, die Kunst selber ist in diesem Werk gegenwärtig. So entsteht ein schlechtes Absolutes. Daß man es mit einem Werk der Literatur oder Malerei zu tun hat, verschwindet hinter dem hochgeputschten Ausspruch des Wortes "Kunstwerk". Das ist ein Wert. Da wird absolute Geltung beansprucht. Nicht mehr eine Sache soll benannt werden nach ihrer Machart, sondern ein Rang. So hat denn das Wort auch folgerichtig als Benennung wenig getaugt, es wird mit Vorliebe dort gebraucht, wo ein Anspruch erhoben werden soll.

Wörter dieser Art eignen sich eben gut zur Einschüchterung, zur Verhetzung, zum Aufputschen. Es sind Kentauren aus Begriff und Realität, und der reale Rumpf muß herhalten, einem leeren Begriff reale Existenz zu erschleichen. Was nicht Hand und nicht Fuß hat, soll erscheinen wie etwas, das Hand und Fuß hat.

In der Politik spielen diese Wörter denn auch die größte Rolle. Wie leicht setzte der Nazismus die Presse des Auslands herunter, wenn er nur noch von "Auslandspresse" sprach ("die Auslandspresse stöhnte..."). Das Äquivalent im Inland: "Intelligenzpresse". Unmöglich hätte Hitler sagen können: die Presse der Intelligenz. So verläßlich war das Wort "Intelligenz" noch nicht diffamiert. Aber "Intelligenzpresse", das ging, das war ein Wort, ein Schimpfwort, das man nicht mehr zerlegte in seine Herkunft. Gebiete, aus denen ein einziges Mal Deutsche vertrieben wurden, heißen von nun an "Vertreibungsgebiete". So gelingt es, schlichten Landschaften einen Brandstempel sozusagen für immer aufzuprägen.

Trotzdem ist es mir nicht möglich, diese besondere deutsche Möglichkeit, Wörter zu bilden, als ein Übel zu begreifen. Ich halte es für möglich, dem Mißbrauch gegenüber empfindlich zu werden. Diese Empfindlichkeit ist lehrbar und erlernbar. Wir verdanken dieser Möglichkeit zu viele prächtige Wörter, als daß man die Möglichkeit selber ein Übel nennen dürfte. Schwermut ist ein solches Wort. So schön, und so genau, daß man sich fast wundert, wie einfach es jeder gebrauchen kann und wie wenig es durch Gebrauch gelitten hat. Und wie uneingeschränkt offen sagt Schadenfreude, was es meint. Und Eigendünkel kann einem vorkommen, als wäre es Hegel am Vormittag auf einem Hühnerhof beim Betrachten eines Hahns eingefallen. Nachdem wir das Wort Beichtgeheimnis hatten, ist sozusagen von selbst das Bankgeheimnis dazugewachsen. Und selbst das dunkle Wortgebräu Weltschmerz zeigt durch seine schwer auflösbare Konstruktion nur, daß man eben nicht genau weiß, woran man leidet, wenn man unter Weltschmerz leidet. Aber so zurückhaltend und verhangen ein allgemeiner Kummer sich als Weltschmerz beklagt, so unverfroren kann jede unerkannte Verdauungsbeschwerde bei uns als Weltanschauung auftreten. Das liegt in der kentaurischen Natur dieser sprachlichen Möglichkeit. Vielleicht sogar in der kentaurischen Natur der Sprache überhaupt.