Von Marcel Reich-Ranicki

Der junge Mann ist von des Gedankens Blässe angekränkelt. Das Leben hat ihn enttäuscht. Die Welt gefällt ihm nicht. Er mißtraut der bestehenden Ordnung. Er mißbilligt die Regeln und Normen der Gesellschaft. Er verachtet ihre Sitten und Konventionen. Das ist das Thema dieses Buches –

Günter Seuren: "Das Gatter", Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 248 S., 12,80 DM.

Ein alter Hut also? Gewiß, das Problem gehört zu den ehrwürdigsten der Weltliteratur. Nur daß es noch nie seine Aktualität und Dringlichkeit eingebüßt hat. Und es genügt, jenen, die meinen, es sei gerade in unserer Zeit und gerade in der Bundesrepublik Deutschland überholt oder nicht mehr wichtig oder nicht mehr darstellbar, mit einem mitleidigen Lächeln zu antworten.

Wie kann aber ein Romancier der klassischen Konstellation – hier das einsame denkende Individuum, dort die schlechte feindliche Welt – heute beikommen? Günter Seuren, zweiunddreißig Jahre alt, bisher als Verfasser nicht übler Gedichte und durchaus gescheiter Artikel bekannt, war sich wohl der Gefahren bewußt, die diesem Thema innewohnen.

Wenn es ihm meist gelingt, sich von der Tradition nicht erdrücken zu lassen und den großen Schablonen zu entgehen, so vor allem deshalb, weil ihm die Kenntnis der literarischen Vorbilder nicht den Blick für die eigenen Erfahrungen verstellt. Weil er seine entscheidenden Impulse der Realität unserer Tage verdankt. Und weil er seinem Roman von vornherein eine auffallend bescheidene Konzeption zugrunde gelegt hat.