Zwei Romane über die Menschen in Hollywood

Von Helmut M. Braem Mitten im Absatz der vorzeitige Schluß. Das eingespannte Blatt in der Schreibmaschine blieb noch lange auf der Walze liegen. Umnachtung während der Arbeit, Schlaf ohne Erwachen... Drei Tage vor Heiligabend 1940 riefen die Zeitungsjungen Amerikas die Straßen hinauf und hinab: "Fitzgerald gestorben!" Auf dem Schreibtisch im Stadtteil Hollywood von Los Angeles lag das unvollendete Manuskript zum Roman "The Last Tycoon". Ein Fragment und dennoch das reifste Werk, das Francis Scott Fitzgerald geschrieben hat –

F. Scott Fitzgerald: "Der letzte Taikun", aus dem Amerikanischen von Walter Schürenberg; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 190 S., 5,80 DM.

Sechs Kapitel, keine zweihundert Seiten, keineswegs durchgearbeitet, keineswegs ohne Stilbrüche, keineswegs frei, von willkürlichen Gedankensprüngen. Ganz offensichtlich hatte sich Fitzgerald vorgenommen, zur Klärung der Handlung noch einzelne Szenen in die bisherige Arbeit aufzunehmen, und gewiß hätte er auch die Aktionen einzelner Nebenfiguren psychologisch deutlicher motiviert, als er es bei der ersten Niederschrift vermochte. Aber derartige Ungenauigkeiten haben ihren Reiz. Ungewollt hat Fitzgerald uns einen Blick in seine Werkstatt gewährt. Der erste Entwurf war für ihn entscheidend. Die Konzeption mußte stimmen, das Bild der Arbeitswelt von Hollywood klar erkennbar sein. Wenn das geschafft war, konnte er sich Zeit zum Ausfeilen der Sätze, zur Korrektur einzelner Szenen, zum Bearbeiten der von ihm nur flüchtig skizzierten Szenerie nehmen.

Es wäre jedoch falsch, den Wert dieses Buches nur in seinem fragmentarischen Charakter zu suchen. Das Fragment macht Züge eines major poet sichtbar.

Es ist ein Roman, vom amerikanischen Klassenkampf der dreißiger Jahre; ein Roman vom Schein und vom schnell verblassenden Glanz in den Studios von Hollywood; ein Roman von der grausam harten Arbeit und rücksichtslosen Behandlung all jener, die mit der Produktion eines Films zu tun haben. Und dennoch gibt der (von Walter Schürenberg exakt übersetzte) Text des unvollendeten Buches vom "letzten Taikun" weit mehr als ein großartiges Zeitbild oder Porträt eines Berufsstandes. Fitzgerald, der erste Sprecher der "verlorenen Generation", will die Einsamkeit jener Menschen zeigen, die sich weder mit der sozialistischen noch mit der kapitalistischen Entwicklung unseres Jahrhunderts abfinden können; die Einsamkeit jener, die sich nicht einordnen lassen wollen oder sich nicht einzuordnen vermögen; die Einsamkeit jener, die in ihrer individualistischen Haltung leiden, weil sie niemals begreifen, warum sie einsam sind. Die heutige Welt hat sie verurteilt. Doch sie kennen nicht den Urteilsspruch, und sie kennen auch nicht ihre Schuld.

Ein Mann wie der "letzte Taikun" (so nennen Japaner einen Machthaber), wie dieser Filmproduzent Stahr wußte noch, daß Leben ein Widerspruch ist, ein ununterbrochenes Ringen zwischen freiem Willen und Ordnungsprinzipien. Sie verlichten jeden, der wie er seine Moral in sich selbst gefunden, sich ihr verschrieben hat, weil er die Würde jedes einzelnen Menschen über die Vereinbarungen der Gesellschaft stellt. Stahr kann nur wider sich selbst handeln, wenn er. überleben will. So ist sein Tod von zwingender Konsequenz.