"Marnie" (USA; Verleih: Universal): Vor Jahren ist in einer Hafengasse Baltimores ein blutiges Drama abgerollt. Die fünfjährige Marnie erschlug im Handgemenge einen "Kunden" ihrer Mutter mit dem Schürhaken. Heute ist es vergessen, verdrängt. Die Mutter lebt zurückgezogen im gleichen Reihenhaus, Prostitution war nur Durchgangsstadium, um das Kind vorm Verhungern zu bewahren. Sie hat sich neu eingerichtet, aber Marnie ("Tippie" Hedren) trug den Schaden davon. Klopfzeichen rufen Albträume hervor; Gewitter, rote Tinte, rote Kleidung gemahnen sie an Blutstropfen.

"Marnie" ist die Geschichte einer Kleptomanin, die ihre Arbeitgeber bestiehlt, weil sie in der Jugend zu wenig Liebe empfing. Und es ist die Geschichte einer Heilung durch Schock, deren rühriger Doktor Mark Rutland (Sean Connery) ist. Inhaber eines großen Verlages, verhinderter Akademiker, ist er kapitalkräftig und belesen genug, Marnie wieder den Weg in die geordnete Gesellschaft zu ebnen. Er heiratet sie, nicht zuletzt, um besser den Patriachen spielen zu können. Den Besitz kann er aber erst voll ausnutzen, wenn Nurnie geheilt ist, wenn sie nicht mehr schaudert vor männlicher Berührung. Rutland vertraut seiner Second-Hand-Literatur, und Marnie fügt sich. Sie bittet sogar, bei ihm bleiben zu dürfen.

"Marnie" ist aber auch die Geschichte eines alten Mannes, der seinen Frieden mit der Produktion gemacht hat. Hitchcock hängt an diesem Werk, seine Realisierung zögerte er um Jahre hinaus. Das Ergebnis steht dazu in merkwürdigem Mißklang: Banalitäten, Unglaubwürdigkeiten und naive psychologische Schlußfolgerungen. Die Figuren bleiben blaß, die Dialoge sind fad und langatmig, die kleinbürgerliche Welt ist nur ein gemalter Prospekt. Peinlich sind die zahlreichen Stellen, an denen Hitchcock nichts verschmäht, sich noch dem letzten Zuschauer verständlich zu machen. Nur in Details ahnt man seine Gegenwart. Die Raffung der Exposition; der scheinbar unendliche Sturz vom Pferd; der lange Schuß, während Marnie im Büro den Safe plündert; Kinder, die erstaunt das Spiel unterbrechen, als Marnie das Haus ihrer Mutter in Begleitung eines Mannes verläßt: Hier sind Differenzierungen zu spüren – Schönheiten, die inmitten der Klischees und Platitüden verblassen. W. D.