Es gibt keinen deutsch-französischen Konflikt im überlieferten Sinne. Seit dem Luxemburger Abkommen zwischen Adenauer und Guy Mollet von 1956 gibt es kein Streitobjekt zwischen Frankreich und Deutschland. Es gibt aber einen längst bestehenden, nun ans Licht gerückten Unterschied in der Deutung der Weltpolitik und vor allem in der Selbstauffassung beider Länder.

Wenn sich auch dieser Unterschied unter de Gaulle und Erhard zum offenen Gegensatz entwickelt und die deutsch-französischen Beziehungen erschüttert hat, so würde er doch fortbestehen, wenn die französische Außenpolitik von Gaston Deferre, Maurice Faure oder René Pleven und die deutsche von Willy Brandt, Eugen Gerstenmaier oder von Karl Theodor zu Guttenberg bestimmt würde.

Als de Gaulle 1958 wieder an die Macht kam, glaubte man in Bonn an eine Abkühlung mit Paris und an eine Neubelebung der Entente cordiale" zwischen Frankreich und England. Genau das Gegenteil trat ein, nicht nur weil der Kanzler und der General in Colombey auf den ersten Blick Freundschaft füreinander empfanden, sondern auch weil die Hauptziele der gaullistischen Außenpolitik mit der wichtigsten Erbschaft der Vierten Republik – ein auf die deutsch-französische Annäherung aufgebautes Sechser-Europa – völlig vereinbar waren. England hingegen stand diesen Zielen teilweise im Wege, eben weil seine Ziele weitgehend dieselben waren: Einfluß in Afrika zu behalten (nach Beendigung des algerischen Krieges) und vor allem eine Sonderrolle in der westlichen Allianz zu spielen.

In George Orwells "1984" gibt es Leute, die gleicher sind als die anderen. De Gaulle kämpft seit 1958 um die Gleichheit innerhalb der NATO, das heißt um die Gleichstellung Frankreichs mit den beiden, die "gleicher" sind als die anderen Verbündeten. Dazu braucht er Unterstützung. Die Bundesrepublik könnte sie ihm geben. Als Gegenleistung würde sie einen festen Rückhalt für ihre Interessen im Osten erhalten: so ungefähr sah das ungeschriebene gentlemen’s agreement" zwischen Adenauer und de Gaulle aus. Es wurde auch eingehalten.

In der Berlin-Frage, in der Nichtanerkennung des Ulbricht-Regimes ist de Gaulle viel konsequenter gewesen als die Engländer. Und wenn er laut ausgesprochen hat, was alle westlichen Politiker ausnahmslos denken, nämlich, daß die Oder-Neiße-Linie ein unabänderliches Faktum ist, so mit der von Adenauer gebilligten Grundeinstellung, daß man eben deshalb mit dem Osten über die deutschem Frage nicht verhandeln kann: entweder kommt eine solche Verhandlung zu keinem Resultat oder sie führt zu einseitigen Konzessionen des Westens, weil jede Veränderung des Status quo (Berlin-Statut, Natur – der DDR, Oder-Neiße-Linie) ein Opfer ohne Gegenleistung bedeuten würde. Als allerdings der deutsche Partner sich von der französischen Atlantik- und Europapolitik allzu sehr zu trennen schien, zeigte de Gaulle sofort, daß er auch eine andere Sprache sprechen konnte: In seiner Neujahrsansprache vom 31. Dezember 1963 nannte er Pankow unter anderen Hauptstädten totalitärer Staaten. Totalitär – aber ein Staat.

Das soll nicht heißen, daß für de Gaulle die deutsch-französische Annäherung nur Mittel zum Zweck war oder ist. Er hat zunächst eine große Leistung vollbracht: nach den Pionieren der ersten Nachkriegsjahre, nach den "Europäern" von 1950 bis 1957 hat er die Mehrzahl der noch zögernden oder sogar feindseligen Franzosen von dem Wert und der Notwendigkeit dieser Annäherung überzeugt, und er hat der deutschen Bevölkerung gezeigt, daß es Frankreich und nicht nur einigen mutigen Franzosen mit der Versöhnung ernst war.

Für de Gaulle sollte der Vertrag vom 22. Januar 1963 (der übrigens – was man in Deutschland oft vergißt – nur auf Wunsch der Deutschen Seite zu einem Vertrag und nicht zu einem einfachen Protokoll wurde) ein Anfang werden. Es war aber ein Höhepunkt – wenn nicht ein Abschluß. Die Erklärung hierfür muß in der Europa- und der Atlantikpolitik gesucht werden.