Die halbjährlichen Auktionen auf dem Gebiet des alten, will sagen gebrauchten Buches, der Autographen und Manuskripte in Berlin, München, Heidelberg und Hamburg versichern zunächst darüber, daß es auch nach zwei Weltkriegen noch den ständigen Austausch auf dem Markt des geschriebenen und gedruckten Worts gibt. Allerdings tritt der merkantile Zug des Sammelns immer stärker hervor. Der bibliophile Sammler, der früher seinen Bestand auch auf Auktionen erweitern konnte, wird zur Rarität wie die von ihm gesuchte Sache.

Regelmäßigkeit und rasche Folge von Auktionen mögen über das alte Buch als Mangelware täuschen, die Preise können es nicht. Sie beweisen wie dünn und lückenhaft das Überlieferte geworden ist. Hinzu kommt, daß Raritäten mehr und mehr aus dem Handel gezogen werden: Den Privatsammler, der früher mit seiner umfangreichen Bibliothek das Buch oder Manuskript überlieferte, ersetzt mehr und mehr die Stiftung, die Gesellschaft und das staatliche Institut. Und dies mit Recht, denn wir möchten, wo so vieles verloren ging, das Verbliebene bewahrt und zugleich zugänglich wissen.

Sensationen für Sammler und Anlaß auf zahlungskräftige Stiftungen und Institute zu hoffen, bietet die diesjährige Herbstauktion im Buch- und Kunstantiquariat Dr. Ernst Hauswedell. Das Singuläre findet sich diesmal wieder bei den Autographen und Manuskripten, die am 27. November zur Auktion kommen. Nicht zum erstenmal. Auf der Frühjahrsauktion 1960 wurden ‚Mr. William Shakespeare Comedies, Histories & Tragedies" in der ersten Ausgabe von 1623 angeboten, auf der gleichen Herbstauktion erwarb das "Freie deutsche Hochstift" (das, unter anderem, bereits den Nachlaß Brentanos und von Arnims besitzt) für 260 000 Mark die nahezu lückenlose Sammlung der Novalis-Handschriften; die Herbstauktion 1962 wurde von ähnlicher Bedeutung durch Handschriften und Bücher Rilkes, die für 220 000 Mark an das "Schiller-Nationalmuseum" gingen.

Diesmal ist zum Ausgangspreis von 125 000 Mark nichts weniger zu erwerben als Schopenhauers "Welt als Wille und Vorstellung" in den ‚Handexemplaren der ersten, zweiten und dritten Auflage mit eigenhändigen umfangreichen Zu-Sätzen und Änderungen für die jeweils nächste Auflage". Aber nicht genug. Was Sammler und Verehrer Adalbert Stifters längst verloren glaubten: das gesamte Manuskript des Romans "Der Nachsommer", die unter dem Titel "Bunte Steine" gestellten fünf Erzählungen und weiter sieben (davon eine allerdings unvollständig) der dreizehn Erzählungen "Studien", dazu Bleistiftnotizen zym "Nachsommer" und zu "Bunte Steine" liegen gut erhalten vor. Sie stammen aus. dem Besitz eines Mannes, der, Kenner des Buches und Wortes wie nur wenige, in den Anfängen dieses Jahrhunderts das geistige Leben mitbestimmte.

Die Stifterforschung, das zu bemerken scheint nicht übertrieben, steht mit diesen Handschriften Tor einem neuen Abschnitt. Die bisherigen Ausgaben, sowohl die kritische Prager Ausgabe als auch die Ausgaben des Stifter-Forschers Max Stefl, (zuletzt 1959 im Insel-Verlag), konnten nur eine zu Lebzeiten Stifters erschienene, Ausgabe zugrunde legen, die jedoch Abweichungen im Text und der Interpunktion aufweisen. Bei einer künftigen kritischen Ausgabe wird man nun aus den Handschriften unmittelbare Zwischenstufen vor den Druckfassungen rekonstruieren können, denn nach Stifters eigener Angabe trug er noch auf den Korrekturbögen Änderungen ein.

Hinzu kommt, daß die Manuskripte reich an Streichungen und Änderungen sind. Damit kann das für den Rang Stifters entscheidende Werk vermutlich besser als bisher in seiner sprachlichen Entstehung gesehen werden. Nicht etwa in der vereinzelten und im Werkganzen belanglosen Änderung liegt die Bedeutung dieser Manuskripte, sondern in der noch am einzelnen geänderten Wort bemerkbaren Anstrengung, die Darstellung (und mit ihr die Sprache) zu objektivieren.

"Rückblick" und "Gegenwart" lauten handschriftlich in der Erzählung "Brigitta" noch die Kapitel "Steppenvergangenheit" und "Steppengegenwart", ein Beispiel dafür, wie sehr Objektivierung menschlichen Erlebens als dingliche Selbständigkeit der Natur erscheint. So streicht Stifter auch Aussagen wie die folgende über ein aufziehendes Gewitter, "Der Anblick war furchtbar", und ersetzt die wenig anschauliche, subjektive Formulierung durch die auf Wesentliches reduzierte Darstellung des Naturvorgangs.